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Mai 2016

„Die Ganz-egal-Gesellschaft.“

Neulich in einem Düsseldorfer Taxi. 

Der Fahrer, offenbar ein  belesener Alt-Akademiker“, der sich seine Rente aufbessert und völlig unbeeindruckt ist von der um sich greifenden Leistungsverweigerung der Gesellschaft. Er arbeitet, um sich hin und wieder ‘was Schönes zu leisten. Er beschrieb Menschen, die wir aus dem Taxi heraus beobachteten. Unabhängig davon, ob sein Thema vom „Untergang des Abendlandes“ durch die seiner Meinung nach zahlenmäßig zu vielen Einwanderer (er vermied das Wort „Flüchtlinge“) richtig ist oder nicht, waren seine Beobachtungen real und nicht zu leugnen. Das Verhalten, die Kleidung, die Körpersprache vieler Passanten drückten etwas aus, was er die „ganz-egal“-Haltung nannte.

Es stimmt, auch in unseren Design thinking Workshops stellen wir zunehmend fest, die Menschen interessiert, fasziniert oder beides, immer weniger. Die Einflussfaktoren für dieses Phänomen sind vielfältig, aber sie begründen einen zunehmend  betrachtbaren Effekt, die Stimmung im Lande ist nicht so gut.

Von Aufbruch und von Zuversicht, das Wort „Selbstvertrauen“ fällt gar nicht mehr, ist keine Rede. Viel mehr muss man den Eindruck haben, wir fühlen uns bedroht, eingeschüchtert. Stimmungen sind lt. Heinz Bude1 „die Gefühle der Gesellschaft“. Wohin ansteckender Optimismus führen kann, zeigt auf ebenso erschreckende Weise die Europa zerstörende Kraft eines Boris Johnson. Aber immerhin, er entfaltet eine Auseinandersetzung, er provoziert Entscheidungen, dafür oder dagegen, in seinem Fall den „Brexit“. Bei uns in Deutschland verstecken wir uns zunehmend in der Anonymität der sozialen Medien. „1.000 Freunde bei Facebook sind die neue Einsamkeit“, sagt Matthias Horx. Und sagt dann - Gott sein Dank – „ich glaube an die Macht eines klaren Markenkerns und eine klare Signifikanz.“

Was hat das alles mit „Design“ zu tun?

Sehr viel, denn wenn einer Gesellschaft zunehmend „alles egal“ ist, weil man sich nur damit beschäftigt, das Erreichte zu sichern, dann wird Gestaltung zur Herausforderung.

Dann wird Gestaltung zum fast einzigen Mittel, einen Stimmungsumbruch, einen Wandel zur Zukunft einzuleiten. Dabei fassen wir den Begriff „Gestalten“ als einen übergeordneten Komplex auf, der mit allen Wahrnehmungssinnen und Möglichkeiten arbeiten muss,

  • die motivierende und positiv inspirierende Kraft der Führungspersönlichkeiten in Unternehmen,
  • das Finden des relevanten Narrativen für ein Unternehmen  und seine Produkte,
  • die optische, iconografisch wirkende Sichtbarmachung der Unternehmens- und Produktabsichten und ihrer Bedeutungen,
  • die Abkehr von „Cloud“-Entscheidungen durch sozialromantische Meeting-Marathons, in denen jeder ‘mal seine Meinung sagen darf,
  • die Abkehr von allein selig machenden Big Data Phänomenen.

Denn wer versucht, alles zu wissen, um die Risiken zu vermeiden, weiß am Ende nichts. Und wer „everybody‘s darling“  sein will, ist hinterher „everybody‘s follower“. Und wer die gleichmachende Kraft von großen Datenmengen unterschätzt, sollte sich mit Dr. Rust unterhalten – „Big Data, Small Sense.“

Und so kommen wir zurück zu unserem Taxifahrer, der den Menschen ansieht, ob ihnen „alles egal ist“ oder nicht.  „Die sehen schon „ganz egal“ aus, wie die sich kleiden, wie die aussehen.“ Albert Hirschmann, politischer Ökonom, sagt, „wenn keiner mehr neue Waren kaufen will, die das Leben verschönern und deren Erwerb die Anstrengung wert ist, dann gibt es weder Enttäuschung noch Engagement,.“

Designer haben die Aufgabe, Waren so attraktiv in ihrer Bedeutung, ihrer Funktion, ihrer Bestimmung, aber auch ihrer Ästhetik zu machen, damit in der Gesellschaft die Lust auf das Neue nicht untergeht.

Der Wandel des Konsums ist Ausdruck sozialer Mobilität. 
Lassen Sie uns beim nächsten Briefing daran denken.

Peter Maeschig

Düsseldorf, 23. Mai 2016


(1) Inhaber des Lehrstuhls für Makrosoziologie, Kassel