What’s up / Die schrecklichen Auswirkungen
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Juli 2014

Die schrecklichen Auswirkungen, wenn die „Nash Balance“ nicht mehr gewahrt bleibt oder „die deutsche Gesellschaft ist es selber schuld.“

Die Deformierung des Denkens im Allgemeinen und die agonisch vor sich hin mäandernde Entscheidungskultur in Deutschland wird verstärkt durch eine zunehmend hybride Interpretation der Einflüsse, die die neuen Medien auf unser Leben haben. Die Flucht in die neuen Medien und deren Nutzung, um Partikularinteressen durchzusetzen, nimmt in der allgemeinen und in der professionellen Diskussion hysterische Züge an. Es scheint so zu sein, als ob nichts mehr ohne die wie auch immer intelligent interpretierte Nutzung neuer Medien geht. Unabhängig davon, dass sich damit Zielgruppen in eine immer größere Abhängigkeit begeben, die Datentransfers von Google und Company sind inzwischen bekannt, ist auch ein Effekt zu beobachten, dass die Wertenivellierung in unserer Gesellschaft multipliziert wird.
G. Steingarts bemerkenswerter Ansatz „wir sind es selber schuld, wenn der immer komplexere Einfluss der neuen Medien auf unser Leben unkontrollierbar wird“, und er sagt mit Recht, „wir können dieses Problem auch nur selber lösen, und zwar in unseren Köpfen“.

Das Grundprinzip der Veränderung ist aber eigentlich ganz einfach –
John Nashs Gleichgewichtstheorie sagt, dass in der Überbetonung und Fokussierung auf die Nutzung der neuen Medien seine Gleichgewichtstheorie und ihre Störanfälligkeit bewiesen ist. Weil sich alle auf das Gleiche stürzen, weil alle glauben, sie sehen die Zeichen des Fortschritts und der sozialkommunikativen Emanzipation durch die Gleichschaltung der Information und auf die Gleichzeitigkeit von Informationspräsenz, gewinnt am Ende dieses Prozesses keiner. Wenn sich alle auf dasselbe konzentrieren und stürzen, gibt es keine wahrhafte Alternative mehr.



 Alle vergessen dabei, dass ein Gleichgewicht immer wieder neu erfunden werden muss und immer wieder neu erreicht werden muss. Ausschläge in die eine oder andere Richtung müssen zeitgerecht gegengesteuert werden durch Kompensationen. Das verlangt von der Gesellschaft eine zunehmende Flexibilität, zu der sie im Augenblick nicht in der Lage ist.
Wir müssen im Augenblick mit den Auswirkungen einer immer mehr überbordenden Sozialisierung aller Zustände, Informationen, Wünsche und Begehrlichkeiten leben. Alle wollen alles sofort, und es darf keine eigene Leistung kosten. Wir leben in einer Gesellschaft der Optimierer. Kein Weg ist zu bequem, als dass er nicht gerne beschritten werden wollte. Von der Politik und von den Autoritäten wird es auch der Gesellschaft bequem gemacht. Wie soll eine Gesellschaft, wenn es um betriebswirtschaftliche Aspekte geht und im engeren Sinne um Markenpflege, dann einen Unterschied machen? Warum soll es Unterschiede in Marken geben, wenn das Große und Ganze keine Unterschiede mehr wertig erscheinen lässt?

Die Diskontisierung des Lebens – „ich will alles haben, sofort und es darf nichts kosten“ – wird multipliziert durch die scheinbar unbegrenzte und kostenlose Verfügbarkeit aller möglichen Informationen. Dies hat einerseits den unschätzbaren Vorteil, dass diejenigen, die etwas sagen wollen, verkaufen wollen, vermarkten wollen, zur unerbittlichen Ehrlichkeit gezwungen werden, andererseits erkauft sich die Gesellschaft damit ein Defizit an Fantasie.
Träume und Fantasien werden nur noch danach bewertet, ob sie kurzfristig einen Vorteil verschaffen und nicht, um ein wie auch immer zu definierendes seelisches Gleichgewicht herbeizuführen.

Die Auswirkungen auf Design und Kommunikation sind furchterregend. Es gibt einen beobachtbaren Trend zu sich selbst nicht mehr ernst nehmenden Kommunikationskonzepten, Klamauk, Witz und vordergründiger Humor bestimmen die Szenerie, alles, was eine „Schenkelklopfer“-Mentalität hervorruft, ist erfolgreich in so genannten „Kommunikations-Wirksamkeitsstudien“. Wahre, qualitative Argumentationen werden entweder nicht geglaubt oder nicht gewollt. Wertestrukturen zerbröseln. Auf der politisch-gesellschaftlichen Ebene spiegelt sich wider, dass nur derjenige gewählt wird, wenn überhaupt gewählt wird, der mir einen kurzfristigen Vorteil verschafft.
Wenn es aber keine Unterschiede mehr geben soll, lohnen sich dann überhaupt noch Investitionen in Unterschiede? Wie können sich Unternehmen mit ihren Produkten und ihren Dienstleistungen von anderen unterscheiden, wenn es nicht um die Unterscheidbarkeit von Wertekategorien geht? Wenn alles gleich ist, entscheidet immer mehr der Preis. Dies ist die Situation der heutigen Preispolitik und auch der Einflüsse auf die Preispolitik, und es ist unglaublich schwierig, Mehrwert zu generieren und zu verargumentieren.
Dies gilt nicht nur im B-to-B-Bereich, sonder auch zunehmend im B-to-C-Bereich. Mit Ausnahme der ausgesprochenen Luxusprodukte, die es geschafft haben, sich außerhalb jeglicher erreichbarer Wertevorstellungen zu positionieren und daraus den Charakter des Besonderen zu generieren.
Dies ist der Kontext einer beginnenden Konfusion und Irritation in der Branche der Designer, Marketingleute und Kommunikationsexperten. Die kurzfristige Rettung in vermeintlich moderne und zeitgemäße Online-Konzepte entlarvt sich zunehmend auch als nicht mehr erfolgreich. Je normaler ein Vertriebskanal wird, desto eher gelten wieder die Gesetzmäßigkeiten der Differenzierung. Das ist ein Phänomen, dem sich das gesamte New Media Geschäft stellen muss. Vertrauen zu erringen, ist in diesem Kontext und in diesem Zusammenhang extrem schwierig. Und am Ende geht es nur um das Vertrauen, für das eingesetzte Geld auch das zu bekommen, was die Menschen, nicht nur kurzfristig im optimierten Zustand zufrieden stellt, sondern auch langfristig glücklich macht.
Das Glücklichsein, als ein erstrebenswertes gesellschaftliches Phänomen und Zustand, hat seinen Charme verloren oder ist dabei, ihn endgültig vergessen zu lassen.

Peter Maeschig