What’s up / Man kann sich aber auch auf nichts mehr verlassen.
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November 2012

„Man kann sich aber auch auf nichts mehr verlassen.“

Das sagte schon meine Großmutter in den 60er Jahren, als der bürgerliche Mief aus deutschen Wohnzimmern vertrieben wurde und der Marsch der 68er Generation durch die Instanzen begann. Diese Bewegung konnte nur durch „New Media“, „Social Media“ und allgegenwärtige Transparenz aufgehalten, korrigiert oder beeinflusst werden.

Kaum hatten wir uns an die Begriffe wie Transparenz, Performance, Individualität, personale Interkommunikation, gläserne Fabriken, Gutmensch-Dasein etc. gewöhnt, da werden schon neue Themen „durchs Dorf“ getrieben.

– „Feel well“ ist plötzlich angesagt,
– Vertrauen allerorts gefordert,
– Glaubwürdigkeit auf der Goldwaage,
– „Wahrheit über Alles“ in aller Munde,
– Sehnsucht nach dem Authentischen und dem Ursprünglichen,
– „Demut statt Hochmut“,
– „Substance but easy“.

Die Commerzbank schaltet ihre erste vernünftige TV-Kampagne

 

und keiner glaubt dieser Bank. Die Kurse fallen noch am selben Tag.
Kollegen beschwören die Sehnsucht nach den Gärten und nach dem Abbau von Wünschen und Sehnsüchten.
Alle fallen immer irgendwie auf irgendwelche neuen „verschraubten Wort“ und „Wort-Blasen“ herein.

Die Frage ist, waren wir früher nie authentisch, waren wir nie original und originell, waren wir nie ehrlich?

Offensichtlich nicht – die Grenzen zwischen motivationaler Übertreibung, „Fake“ und Lügen, waren fließend geworden.

Ich beobachte etwas ganz anderes – die Angst vor der „wirklichen Wahrheit“ über den Zustand von Marken, Unternehmen und Produkten. Glaubwürdigkeit ist zwar nicht immer das, was wirklich wahr ist. Aber die Menschen spüren die Konsequenz der Realität von Unternehmen und Marken ziemlich schnell.

Viel wichtiger ist die Frage, wie bekommen wir Designer und so genannte Kommunikationsexperten unsere manchmal durchgesetzte konzeptionelle Intelligenz auf die Straße und an den Kunden?
Wie möchte der die Wirklichkeit wirklich sehen?
„Macht es wirklich so viel Sinn, für ein Käseprodukt die dreckige Kuh im Stall zu sehen, weil das doch die Wahrheit ist? Oder ist es nicht viel besser, die Kühe auf der Wiese zu sehen?“ – fragte ein Teilnehmer auf der OWM-Fachtagung in Berlin (Organisation Werbetreibende im Markenverband).

Ein Thema, mit dem sich die diesjährige OWM-Tagung in Berlin auseinandersetzte und zu meiner persönlichen Beobachtung führte:
– die einen haben verstanden und können sich (noch) nicht durchsetzen,
– die anderen bleiben an der Oberfläche und behalten Positionen bei,
 die irgendwie auch nicht weiter helfen.

Meine Konsequenz – „Relevant Fantasies“ sind gefragt.
So, wie wir genau wissen, dass es den Weihnachtsmann eigentlich nicht gibt, so möchten wir aber nicht, dass wir ihn nicht mehr zur Weihnachtszeit sehen.
Genau so, wie wir nicht wirklich alles über die Herstellung von Produkten wissen wollen, genau so sicher sind wir aber auch, dass wir heute den höchsten Stand der Lebensmittelqualität haben.
Genau so, wie wir wissen, dass es wichtig ist, zu wachsen und sich zu entwickeln, so ahnen wir zunehmend, dass Gier und Maßlosigkeit zu nichts führen.
Und genau so wichtig ist es, relevante Inspirationen zu geben, um Marken und Unternehmen einen zeitgemäßen Sinn zu geben.

Und wahr ist auch, dass wir uns daran gewöhnen müssen, dass wir nicht mehr alles zum „billigsten Preis“ bekommen.
Was billig ist, ist auch nichts. Die Wertesysteme kommen wieder. Ganz langsam, aber sicher.
Und dann kann man auch wieder glauben.

Peter Maeschig