What’s up / Vom Unsichtbaren und Ungesagten zum Sichtbaren und Verstehbaren
« Back
Februar 2016

Vom Unsichtbaren und Ungesagten zum Sichtbaren und Verstehbaren “oder„ unser analoges Leben in einer digitalen Welt.

Geht es Ihnen manchmal auch so – Sie folgen einer Diskussion, lesen einen Artikel, versuchen in ein berufliches Problem einzudringen, und ganz tief von innen kommt Ihnen ein Gedanke?
 Er ist neu, er ist faszinierend, Sie trauen sich nicht, ihn aufzuschreiben, gar ihn auszusprechen.

Dasselbe gilt für Bilder – Sie sehen plötzlich bei einem Spaziergang oder in einer Konferenz ein Bild, das im Zusammenhang mit dem gerade diskutierten Problem auftaucht. Sie haben keine Zeit, es aufzumalen, innerlich zu fotografieren, und schon ist es wieder weg, tief im Unterbewusstsein verschwunden.

Ein ähnliches Phänomen ist die zunehmende Mutlosigkeit und Ängstlichkeit, Dinge, von denen man überzeugt ist, höflich, aber bestimmt und charakterscharf, auch in der Öffentlichkeit zu formulieren. 
Neulich auf einem Kongress hörte ich den liebenswerten, schauspielerisch perfekt vorgetragenen Vortrag einer 29-jährigen „Frau Dr.“, die sich über die Generation „Y“ äußerte. Sie schilderte, dass diese Generation über unzählige digitale Quellen ein Instrument permanenter Information habe, dass diese Gruppe junger Menschen Leidensdruck ablehnt, dass sie schwankt zwischen Selbstverwirklichung und Sicherheit, und dass dieser Befund der Generation „Y“ eigentlich nichts anderes bedeutet, als dass diese Generation andere Wertesysteme besitzt, als die etwas Älteren. Und somit fordert die Generation Y Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Flexibilität, Selbsterfüllung und „in die Führung involviert werden“. Man beachte – 29 Jahre alt. Und dass man doch als seniorer Manager dies bitte beachten solle.

Mir ging durch den Kopf, wie kann diese Sozialromantik des Arbeitslebens in einer zunehmend von Performance-Druck ausgelegten Welt funktionieren?
Das Interessante an dem Vortrag war, dass er vor älteren Managementkreisen gehalten wurde, und keiner sich in der anschließenden Diskussion traute, zu sagen, „aber unsere Maschinen der Produktion müssen doch laufen“, oder „unsere Umsätze müssen doch generiert“ werden, oder „unsere Kunden müssen doch zufrieden gestellt werden“. Das Arbeiten ist doch kein Selbstzweck.

Ich wollte aufstehen und etwas sagen, fürchtete aber sofort die Stigmatisierung durch die Gruppe, denn es ist völlig uncool, dieser jungen Generation nicht Recht zu geben und sich selber besser hintenanzustellen – einer, der seit über 30 Jahren selbständiger Unternehmer ist.

Was hat das alles mit Design und Design Thinking zu tun?
Design Thinking ist ein wieder in Mode gekommener Arbeitsprozess, der eigentlich nichts anderes tut, als die Zielgruppe als Mensch zu betrachten, in seinem Verhalten, in seiner Verfasstheit, in seiner Verfassung, und Dinge, Produkte, Services, Ideen, Gestalt, Kommunikation oder Design für diesen Menschen auszurichten, sodass wir über das Nützliche zum wirklich Relevanten zum Bedeutsamen kommen. Jüngere Generationen, die mit sich selbst beschäftigt sind, denken, arbeiten und leben jeder für sich in seiner eigenen Virtualität gefangen in der Cloud. Design Thinking denkt „out of the cloud“ oder traditionell „out of the box“.

Die gleichzeitige Behandlung unterschiedlicher Themen, die nicht kausal zusammen hängen, die in Form von wechselnden Wirkungen aufeinander abgestimmt sind und gegenseitig individuelle 
Ermöglichungsbeziehungen definieren, hat unser Leben komplex und sehr kompliziert gemacht.
Wir, als analog denkende Wesen, sehen einem Phänomen entgegen, das die Sozialwissenschaftler „verteilte Intelligenz“ nennen. Aufgrund dieses Phänomens und anderer, wissenschaftlich weiterhin zu erläuternder, psychologischer Themen, mangelt es an der Übersetzungskompetenz in die Anforderung der Zeit. Und diese Übersetzungskompetenz hatten die Designer schon immer.

Sie mussten ein Produkt entwickeln, sie mussten eine Form für das Produkt entwickeln, sie mussten oft dem Produkt einen Namen geben, sie mussten sich mit Materialität und Ingenieurkunst auseinandersetzen. Kurzum, das Produkt, das sie entwickelten, musste den Menschen gefallen und im Idealfall auch den gewünschten oder erst unterbewusst existierenden Wunsch nach einem relevanten Nutzen zu erfüllen. 
Das Interessante an dem Gedanken ist, dass es manchen Designern gelungen ist, nach vorne gedachte Lösungen auch zu realisieren und anderen wiederum nicht.

Die erfolgreichen Designer genossen das Vertrauen ihrer Auftraggeber. Dieses Vertrauen entstand aber nicht immer nur durch den langen Weg erfolgreicher, beispielhafter Arbeiten, sondern dieses Vertrauen wurde relativ schnell gewonnen, obwohl das Vertrauen letztlich das Verhältnis zum Ungewissen ist. Wenn ich nicht weiß, was auf mich zukommt, und was ich nicht konkret erfassen kann, dem traue ich nicht.
Und so ist Design Thinking eigentlich eine Brücke, um denjenigen, die ein Investment in ein Produkt, eine Packung, ein Logo, eine Broschüre – schlicht Gestalt, Gestaltung – anstreben, das Vertrauen zu vermitteln, dass das, was die Designer gestalten, auch wirklich ankommt.

Dazu ist der Prozess des Design Thinking eine ideale Brücke, die den Menschen nicht als zur Zahlung verpflichteten Kunden sieht, sondern ihn in seiner Befindlichkeit und Relevanz zu dem jeweiligen Thema versucht zu erfassen und mit diesen Erkenntnissen von daher eine Lösung zu entwickeln.

Das ist die Kunst des Storytellings in Gestalt und Gestaltwerdung.
Vor diesem Hintergrund wird sich die Rolle derjenigen, die sich mit Design und Kommunikation beschäftigen, in den nächsten Jahren wesentlich ändern.

Aber darüber beim nächsten Mal.

Peter Maeschig

Düsseldorf, 17. Februar 2016