„Allons enfants de la Patrie“ – oder der Sturm auf das Home-Office.

von | Jan 19, 2021 | Essay

RKI fordert schärferen Lockdown!
Christian Lindner beschwert sich über die geheimen Verhandlungen über einen bevorstehenden Mega-Lockdown in Deutschland. Nachrichten über die schnelle, aber noch unbekannte Verbreitung der mutierenden Viren machen die Runde, um dann Sätze zu hören, wie z.b. “neue Rezession unwahrscheinlich“ und „deutsche Wirtschaft stabiler als erwartet“. Gleichzeitig tauchen erste wissenschaftliche Erkenntnisse auf, dass das Corona Virus auf dem absterbenden Ast ist. Verwirrung, News gegen Fake News, Meinungsbildung versus Meinungsmanipulation, Gehirnwäsche gegen Denkkultur – welchen Reim macht man sich als Unternehmer, um die Zukunft – auch die der Mitarbeiter – zu sichern. Thomas Straubhaar sagt, “alle stochern im Nebel“, und macht sich Gedanken über den Sinn und Unsinn der Finanzhilfen, und Burkhart Schwenker, ex Roland Berger Chef-Berater, Mitstreiter einer hochkonjunkturellen Effizienz-Kultur, meint, Corona hat die Grenzen der Effizienzstrategien gezeigt. Aha. Wirkung, Inspiration und relevante Träume werden offenbar doch wichtiger, als man da vor einem Jahr noch glauben wollte.

Das Meinungsbild in der Gesellschaft wird durch ein Wechselbad der Gefühle und Meinungen, sowie in Frage stellen vieler liebgewonnenen Theorien bestimmt. Eine weitere Eskalation des Unvernünftigen sind Forderungen nach Home-Office Verpflichtungen oder mindestens jedoch Quoten – oft die bis an die Grenze der Zumutbarkeit gehende Aufforderung, den Bitten der Regierung nachzukommen, ansonsten müsste man ja Home-Office verordnen. Wir wollen den kompletten Lockdown der Wirtschaft verhindern, wird dann gesagt. Genauso pauschal wie alles im Augenblick entschieden wird, genauso pauschal läuft die Debatte über die Home-Office Thematik. Und geht dabei an den Realitäten vorbei.

Mitarbeiter blicken ihren Chef jeden Morgen fragend an, wie geht es weiter, wie entscheidet er, schaffen wir diese Zeiten oder wird es irgendwann zu viel? Dürfen oder müssen wir demnächst zu Hause arbeiten?

Ich hatte am Donnerstag eine sehr intelligente und agil arbeitende Marketing-Leiterin eines großen Online-Unternehmens zu Besuch. Seit März 2019 sitzt die gesamte Firma im Home-Office. Der Arbeitsdruck ist gewaltig, weil Online ja wächst, gleichzeitig eine Menge an Zukunftsstrategien umzusetzen und zu planen sind Stress pur, berichtet sie.

Wie gesagt, es handelt sich um eine junge und jung gebliebene Firma. Alle sind smart, online sowieso, und sind es gewohnt mit digitalen Instrumenten umzugehen. Die brauchten die Ermunterung von Politikern nicht, die oft Theorie und Praxis schwer zusammenkriegen. Und wie gesagt, seit März 2019 haben sie im Schnitt viermal an analogen Meetings in ihrem Headquarter teilnehmen dürfen. Wie ist der Zustand dieser Belegschaft? Maximaler Frust, zunehmende Aggression innerhalb und außerhalb der Familie. Kein Kino, kein Theater, kein Sport, keine Distanz-Möglichkeit. Kinder zu Hause. Er sitzt mit seinem Schreibtisch im Schlafzimmer, sie mit ihrem Laptop in der Küche – und zwischendurch wollen die Kinder Pizza und ihre Schulaufgaben gelöst haben.

In einer durchschnittlichen 3 Zimmer Wohnung geht es nicht anders. Und dann kam Weihnachten, da hocken dann wieder alle aufeinander. Die Trennung von Arbeit und Wohnen ist ein gelerntes, gewohntes und den Menschen nahes, gutes Prinzip, um Lebensqualität zu erhalten. Denn, wenn alles vermischt wird, verwischen auch alle Grenzen. Ein permanter Ausnahmezustand geht Allen zunehmend nicht nur auf die Nerven, er wird nicht durchhaltbar sein. Die Trennung von Arbeit und Privatem ist psychologisch wichtig, weil die Einordnung der Themen dann leichter ist. Die permanente Gegenwärtigkeit von Allem hat der Mensch nicht gelernt. Auch die Höhlenbewohner haben ihre Behausung verlassen müssen, um Nahrung und Versorgung zu gewährleisten. Und das hat die Menschheit länger praktiziert als die zwanghafte Zuhause bleiben Order.

Wenn ein Ausnahmezustand durch physisch erlebbare Einflüsse bestimmt wird (Krieg, Wetter, etc.), ist es einfach für die Seele, den außerordentlichen Zustand zu verarbeiten. Aber eine unsichtbare Bedrohung als Auslöser für die zunehmende Einengung zu verstehen und zu akzeptieren, wird desto problematischer, je länger der Zustand befohlen wird. Es wird im ersten Schritt Ausfälle geben, Mitarbeiter können einfach nicht mehr, Black-outs,
Burn-outs, Konzentrationsmängel, einfach keine Kraft mehr, von Lust an der Zukunftsgestaltung zu schweigen. Im zweiten Schritt sinkt die Produktivität, alles dauert länger, wird schwieriger, Projekte werden langsamer fertig, Rechnungen werden später geschrieben, Liquidität wird immer zeitversetzter generiert, die Situation wird immer enger. Unternehmer müssen zuschießen, verzichten auf Gehalt, Entnahmen müssen zusätzlich versteuert werden usw. Der Staat versteht überhaupt nicht, was er anrichtet – ungeachtet der Tatsache, dass die wirtschaftlichen Hilfen nicht ankommen, Bedingungen verändert werden, Hürden immer höher gehängt werden. Die Finanzämter werden immer mächtiger und drängender.

Der Direktor eines der führenden Wirtschaftsinstitute hat neulich zu mir gesagt, der Staat erscheint zum einen als Heilsbringer und helfende Institution, und gleichzeitig drangsaliert er die Gesellschaft – bewusst oder unbewusst, das wollen wir mal offenlassen.

Diese Situation ist der Nährboden für Aufruhr. Wie lange lässt sich eine Gesellschaft diese Methoden gefallen? Verunsicherung, Bedrohung durch Wiederholung immer derselben Information, nahe am Prinzip der Hirnwäsche, mürbe machen. Nur so ist zu erklären, warum wir alle von morgens früh bis abends spät die neuesten Zahlen aus dem Land der Corona Plage hören müssen. Man muss die Bedrohung permanent gegenwärtig halten, damit sich alle an die Einschränkungen halten. Gleichzeitig wird allen vor Augen geführt, wie schwer sich die Organisationen tuen, Impfung und Regeln zu orchestrieren. Virtuos sieht anders aus.

Während das Volk immer mehr auszehrt, seelisch wie materiell, sonnen sich die Entscheider im Glanze ihrer Besorgtheit und fassen flächendeckende Entscheidungen, die sowohl im Einzelfall als auch gesamtheitlich sehr problematisch erscheinen. Da braucht es nur einen kleinen Anstoß und schon wird die „Bastille“ des vermeintlich gutmeinenden Staates gestürmt. Einen Vorgeschmack haben wir bereits in Washington und in Berlin letztes Jahr erleben dürfen. Im Augenblick sind noch alle erschrocken über diesen Ausrutscher – “das macht man doch nicht in einer Demokratie“ – hier wird doch alles vernünftig ausdiskutiert und konsensgetrieben entschieden. Und in Hinblick auf die Ereignisse auf dem Capitol in Washington wird vieles Herrn Trump zugeordnet.

Auch hier in Deutschland werden die oft gepriesenen Regeln einer parlamentarischen Demokratie außer Kraft gesetzt – die Regierenden dürfen alles außerhalb des Parlaments entscheiden. Herr Trump hat außerhalb der etablierten Systeme gewirkt und Wirkung gezeigt. Und alle Verantwortlichen setzen darauf, dass wir Deutschen so brav sind, dass wir nicht auf die Barrikaden gehen. Aber so langsam kommt die Götterdämmerung ganz neuer Prägung. Aber Gott sei Dank gibt es das Prinzip der Gleichzeitigkeit von Gegensätzen und scheinbaren Widersprüchen. Während die Gesellschaft ächzt unter den nicht mehr so richtig verstehbaren Restriktionen des Lebens, entwickelt sich in jedem von uns die lauter werdende Sehnsucht nach den schönen Seiten des Lebens.

Wenn man die Ergebnisse aktueller und ständiger Meinungsforschung im Zusammenhang mit Unternehmen und Markenkonzepten auf einen gemeinsamen Nenner bringen will – es gewinnen Konzepte voller Lebensfreude, Träume, Farben, Heiterkeit, Lust, Verrücktheiten – Themen, die noch vor einem Jahr als sozialromantischer Quatsch bezeichnet wurden. Es drückt sich eine Sehnsucht nach Opulenz, Lebensfreude des Besonderen aus, und diese Sehnsucht wird immer deutlicher, in unterschiedlichsten Themen und Produktbereichen zum Ausdruck gebracht.

Der konkrete Sturm auf die „Bastille“, möge uns erspart werden, die Bilder vom Capitol sind erschreckend genug, aber eines haben die damaligen Revoluzzer geschafft, sie haben bei ihrem Sturmlauf gesungen „Le jour de gloire est arrivé!“

In ihrem Zorn schwang eine aufmunternde Heiterkeit mit, sozusagen der bittere Humor des Untergehenden. Aber es gibt ja Udo Lindenberg – „Hinterm Horizont geht’s weiter. Ein neuer Tag.“ Es gibt Gott sei Dank Unternehmer, die sich nicht unterkriegen lassen und an die Zeit nach den Einschränkungen denken und ihre Unternehmen so aufstellen, dass diese dann fit und begehrlich sind. Und da spielt die Frage nach Home-Office keine Rolle. Es geht um das Ganze.

Es wird nach den dunklen Tagen dieses Winters eine nicht mehr zu zügelnde Befreiung geben, es wird verrückt gelebt, es wird nur das Beste vom Besten genossen, es wird nachgeholt an Seelenfreude, was das Sparkonto noch hergibt. Es mag ja sein, dass Deutschland glimpflich aus der Corona Zeit herauskommt. Aber wie sehen wir dann seelisch aus?

Liebe Politiker, versucht zu verstehen, dass wir nicht verstehen, was ihr macht. Ihr seid gesichert durch eure Beamtengehälter und Absicherungen. Die Entscheider fahren hinter getönten Scheiben ihrer Staatskarossen durchs Land und wundern sich, dass die Menschen in den öffentlichen Verkehrsmitteln so dicht gedrängt stehen und verbieten deshalb die Fahrt zum Büro. Vielleicht wäre eine bessere Lösung, mehr Busse und Bahnen zu beschaffen?
Lösungen sind nicht deshalb besser, nur weil sie Verbote sind.

Ansonsten wird es einen Sturm geben, der alles hinwegfegt. Ein Sturm der Verelendung, der Verarmung, der Resignation der Lustlosigkeit. Home-Office ist nicht der Garant dafür, dass der Virus verschwindet, er bleibt irgendwie, so oder so. Und da stellt sich die Frage, wenn wir schon mit dieser Pandemie kämpfen müssen, müssen wir uns dann auch noch selbst schwächen? Durch weitestgehend selbstzerstörerische Entscheidungen – wirtschaftlich, seelisch, emphatisch, menschlich, kreativ gesellschaftsstrukturell, die Zukunft nicht mehr gestalten können?

Gott sei Dank gibt es noch sehr viele Arbeitnehmer, die tapfer die Situation durchstehen wollen. Aber gebt ihnen Hoffnung und Perspektiven! 
Früher nannte man das beratungseloquent „Motivationsseminare“ – heute ist es eine überlebensnotwendige Maßnahme, die Verständnis, Einfühlsamkeit, Hilfe im engsten Sinne meint, um seelische Kollateralschäden der Arbeitnehmer zu verhindern. Neben Geschäftssicherung, Liquiditätsmanagement und Aufrechterhaltung der Produktivität, eine Herausforderung der besonderen Art. 
Das geht nur, wenn man eine Idee von der eigenen Zukunft hat. Oder wenn man sich erinnert, wie Leben, Aussehen und Werte früher Projektionsflächen der Wünsche waren. 
Das ist aber ein anderes Thema. Nächste Woche auf diesem Kanal.

Für die nächsten Tage habe ich beschlossen, ich fahre nur noch singend in meine Firma, versuche meinen treuen Mitarbeitern nicht allzu viel von meinen Sorgen mitzuteilen. Und hoffe mal, dass die Unternehmer stärker sind als die restriktive, negative Kraftentfaltung unserer gewählten Volksvertreter. Aber dazu muss man die Unternehmen flächendeckend und mikroökonomisch überleben lassen. Wenn man das denn überhaupt will. Die Auszahlungsunfähigkeit der Wirtschaftshilfen geben jedem zu denken.* Warum wehrt sich keiner? Man beobachte aufmerksam, die Vertreter der Arbeitgeber sind ja aus der Sicht der Politiker Gott sei Dank ganz still. Warum auch immer. Kein Widerstand, dann drehen wir die Schraube noch stärker an. Auch das ist ein anderes Thema.

Also singe ich jeden Morgen – „ Allons enfants de la Patrie, Les jours de gloire ne sont pas arrivees“!
Aber sie werden kommen, da bin ich mir sicher.
So oder so.

Köln 19.01.2021

* Mit Ausnahme des sehr richtigen Kommentars von Herrn Lutz Goebel, 
im Handelsblatt vom 19. Januar 2021