„Danke Thomas Tuma“

von | Apr 24, 2020 | Essay

Dienstag, 21.04.2020, Seite 14 des Handelsblatt, „ein Virus namens Hysterie“.
Mittwoch, 22.04.2020, Interview mit dem Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen.

Sie fängt so langsam an, die Nachdenklichkeit über den Zustand, der uns verordnet wurde, und Befürchtungen werden formuliert wie „hoffentlich sagen unsere Kinder eines Tages nicht, 2020 war das Jahr, in dem unsere Eltern in einer selbst inszenierten Massenpanik unsere Zukunft zerstört haben“. Endlich spricht einer aus, was viele schon lange heimlich und verbotenerweise gedacht haben, – „ist das Ganze wirklich nötig?“. Und es tauchen Vergleichszahlen auf, von den jährlichen Toten durch Unfälle, von den Verstorbenen der letzten Grippewellen, von den Infektionen durch Sars, übrigens auch aus Wuhan kommend.

Man hat das Leben doch auch bei all den anderen schlimmen Wellen von Infektionen und Todesursachen nicht so komplett heruntergefahren. Selbst die zigtausend Tote nach dem Tsunami und der Fukushima Katastrophe haben uns wenig gerührt.

Entweder erleben wir tatsächlich gerade eine politische Massenhysterie, oder unsere Regierungen wissen etwas, was wir nicht wissen. Mich erinnert dieser kollektive Konsens der Politiker an die Entscheidungsfindung in vielen Unternehmen, – man will zu einem Ergebnis kommen, hinter dem alle am Entscheidungsprozess beteiligten „stehen“, egal wie das Ergebnis ist.
Es ist manchmal völlig egal, was das Ergebnis ist, Hauptsache man ist sich einig. Ob das Ergebnis im Sinne der sachlichen Reflexion Bestand hat, oder ob es eine wirkliche Wirksamkeit auslöst, ist nebensächlich. So etwas nennt sich dann „konsensuale Entscheidung“.

Wir leben in einer Zeit, in der social und political correctness auf einer kaum zu widersprechenden Abstraktionsebene das Entscheidungsmaß aller Dinge ist. Dahinter werden politische und gesellschafts-orientierte Entscheidungen legitimiert, die einen deutlichen Charakter haben, – „nur nichts falsch machen“.

Wenn man es aber jedem recht machen will, macht man es irgendwann keinem mehr recht. Verhaltenstheoretisch läuft man gerade Gefahr, die virologisch sicher irgendwie existierende Gefahr für Gesundheit einiger, zum Maßtab des Handelns und der Lenkung aller zu machen. Das wird nicht gut gehen. Es sei denn, alle Regierungsverantwortlichen dieser Welt wissen mehr über den Virus,
als sie uns mitteilen. Es muss doch einen Grund geben, warum wir alle so behandelt werden, als müsste man uns schützen vor Pest und Cholera, Spanischer Grippe und einer mittleren Atomverseuchung auf einmal.

Die Ungereimtheiten der Erlässe und Verordnungen sind eine Sache, sie werden dem föderalistischen System gutgeschrieben, die Alternativlosigkeit des Durchregierens sagt uns vielleicht etwas anderes und ist eine ganz andere Seite. Entweder will man das aus machtpolitischen Gründen, oder man weiss etwas , was „du nicht weisst“.

Und Herr Laschet bemüht sich im diplomatischen, semantisch-unverbindlichen Stil, auf einer hohen Correctness-Ebene. „Wir richten unsere Entscheidungen danach aus, wie wir die Menschen bestmöglich schützen bei gleichzeitiger Rückkehr in eine verantwortungs-volle Normalität“. – Da kann doch wirklich keiner was dagegen haben. Aber leider hilft es auch keinem. Es ist der Konsens eines Gremiums. Die Gruppe hat sich geeinigt, aber auf einen sehr kleinen gemeinsamen Nenner.

Leider bringt uns eine solche Haltung eben nicht nach vorne. Das Geld der Regierung kommt nicht flächendeckend an, besonders bei kleinen und mittleren Firmen. Die Banken mauern bei der Gewährung der Kredite, Sie können sich gar nicht vorstellen, welche Ausreden formuliert werden. Es wird an die Durchhaltekraft der Unternehmer appelliert, um dann eine Reichensteuer zu postulieren.

Es passt nichts zusammen.
Ehrlich gesagt, es ist auch schwer, alles passend zu gestalten. Aber ich neige dazu, Herrn Tuma recht zu geben. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht aufgrund eines mental-neurologischen Juckreizes unserer Befindlichkeit in diesen Wochen, in allem übertreiben. Das kann, um im Bilde der Seuche zu bleiben, wortwörtlich „in die Hose gehen“.

24.04.2020