Der notwendige Sieg des Humors

von | Mai 11, 2020 | Essay

Wer soll das bezahlen? Wer hat so viel Geld?
Wer hat soviel Pinke-Pinke,…….

oder
der notwendige Sieg des Humors.

So lautet ungefähr der Text eines alten rheinischen Frohsinn-Liedes. Wir sprachen beim letzten Mal über die Folgen der Rettungsgelder, der Staatsbeteiligung an geretteten Unternehmen.

Einige Mitbürger meinten daraufhin, dass man doch in einem solchem Fall Respekt und Verpflichtung gegenüber den Geldgebern haben müsste. Ja richtig – wenn man Geldgeber freiwillig ins Unternehmen holt, aus einer selbstverschuldeten Notlage heraus. Dann ist das ein ehrenwerter Gedanke, und dann ist aller Respekt geboten.

Aber in unserem deutschen aktuellen Fall sieht die Sache mit dem eingeforderten Respekt anders aus. Wir laufen auf ein Treuhand Modell 4.0 hinaus. Der Kollateralschaden des abrupten, zwei Monate andauernden Stillstandes ist politisch zu verantworten. Es werden Hunderte, wenn nicht Tausende Unternehmen zu retten sein, wenn man nicht den fast total Kollaps der Wirtschaft in Kauf nehmen will. Es wird nun mal die Konsequenz sein, dass wir, wenn die Staatsschulden, die durch Corona entstanden sind, nicht durch Wirtschaftswachstum und Steuererhöhungen allein zu stemmen sind, eine Menge von teilverstaatlichten Unternehmen haben werden. Denn es muss zur staatsbilanziellen Richtigkeit ein Beteiligungs- und Verstaatlichungs-Konzept her, sonst sind die Verschuldungen nicht mehr darstellbar, und wir nähern uns einem Staatsbankrott. Die EZB wird doch schon in die Schranken gerufen. Karlsruhe sei Dank.

Unendlich und unlimlitiert Geld drucken hat noch nie zu einer gesunden Finanzwirtschaft geführt. (Selbst Bashar Assad merkt gerade, dass irgendwann die Finanzmittel versiegen, wenn die Wirtschaft nicht funktioniert.)

Aber „springt die Wirtschaft an“, nach der Corona Krise und bei der Lockerung der Einschränkungen? Einige Wirtschaftsweisen bezweifeln es, andere hoffen darauf, einige andere gehen fest davon aus. Je nach Grad des politischen Interesses und der Ehrlichkeit variieren die Einschätzungen und die daraus folgenden Prognosen.

Das Metier der Unternehmensstrategie ist es, vom Markt und den Menschen in ihrer wahrscheinlichen, durchschnittlichen Verhaltensweise auszugehen.

Versuchen wir es in der Daniel Kahneman-Methodik. Wir spielen durch, wie Menschen in Hinblick auf Optionen und Einschätzungen agieren. Berühmtes Beispiel – das Multiplikationsergebnis zweier Zahlenreihen. Die eine beginnt mit einer hohen Zahl, die andere mit einer kleinen Zahl. Z.B. 5 mal 4 mal 3 mal 2 mal 1 –oder 1 mal 2 mal 3 mal 4 mal 5 – welches Ergebnis ist höher? Die meisten schätzen die erste Reihe im Ergebnis höher ein. Das Ergebnis ist in beiden Fällen gleich, aber die meisten ließen sich von der höheren ersten Zahl beeinflussen. System 1 des Gehirns hat zugeschlagen, schnell, reflexartig und auf kognitive Assets des Gehirns reagiert. Die höhere Zahl am Anfang heißt doch höhere Wertmultiplikation.

Die subjektive Wahrnehmung von Fakten führt oft zu einem objektiv falschen Ergebnis. Genauso wird es mit der Einschätzung der Lebenslage für die nahe Zukunft gehen. Die Menschen sehen und realisieren – man hat weniger Geld auf dem Konto, man spart, man investiert nicht, man sorgt sich um den Erhalt des Lebenszustandes. Man glaubt, das Fantasieland des unbegrenzten Wohlstandes geht ewig weiter, man kann es nicht glauben, dass die Naturwissenschaft stärker sein soll, als die politische und gesellschaftstheoretische Komplexität der Vergangenheit, die uns geprägt hat, und die uns allerlei Ausreden, Erklärungen und Träume für alles und nichts geliefert hat. Diese zumindest kurzfristig falsche Interpretation des Zustands nach der Krise führt jedenfalls nicht zu einer prosperierenden Wirtschaft. Das heisst, der Aufschwung wird lang und mühsam. Und er kostet Geld, Geduld und eine große Prise Andersartigkeit im Verhalten von uns allen.

Unabhängig von der Frage, ob der Zustand der Gesellschaft vor Corona wirklich gut für die Menschen war oder nicht, in seiner ganzen Überhitztheit in allen Lebensbereichen wird er so schnell nicht wiederkehren. Da sind sich fast alle einig.

Aber wie werden wir wieder einigermaßen offene und zufriedene Menschen?
Die offene Gesellschaft im Sinne von Karl Popper zeichnet sich u.a. durch Toleranz, Freiheit in der Ausübung der Talente, Chancengleichheit und Akzeptanz aus. Eine gewisse heitere Gelassenheit gehört auch dazu, „die Lust am Tun“ – so Popper.

Die kann man im Augenblick nur sehr selten erkennen. Brüche in der Gesellschaft werden sichtbarer, Neid und Misstrauen werden öffentlicher, die Frage der übertriebenen Unternehmens Effizienz-Rigidität steht ebenso auf dem Prüfstand wie die sozialromantischen Träume, – „der Staat oder das Unternehmen regelt es schon.“

Wir planen mal unseren Urlaub, wir minimieren die Kurzarbeit, wir bestehen auf unseren Versorgungsprinzipien. Es gibt im politischen Spektrum sogar erste Stimmen, die eine Art Corona-Steuer der Unternehmer und Besserverdienenden fordern. Es gibt erste Demonstrationen, ohne Maske, gegen die verspürte Willkür der Einschränkung. Und es gibt wieder ansteigende „R-Zahlen“, weil irgendwelche Lohnarbeiter sich einen Dreck darum scheren, welche Hygienemaßnahmen einzuhalten sind.

In Düsseldorf sind allein ankommende Frauen am Flughafen von Migrantentruppen bewusst angespuckt worden. Sicher ein Einzelfall, aber symptomatisch für die Gereiztheit der Situation. Man kann einigermaßen sicher vorhersehen, dass die Aggressivität zunehmen wird. Zeichen von Verteilungskämpfen.

Das kann man alles nur verhindern, wenn unsere politischen Leitcharaktere aufhören, ihr Politik-„Geschwurbel“ von sich zu geben. Sagt doch, was Sache ist, sagt uns, dass wir den Gürtel enger schnallen müssen, und dass wir jetzt mal den Kennedy Satz befolgen, – „fragt euch nicht, was der Staat für Euch tun soll, fragt Euch, was Ihr für unseren Staat tun könnt“. Ein neuer Staats Spirit muss her, Lust an der Innovation, Lust an der Weiterentwicklung,
Lust an der Bewältigung der Krise.

Solange wir alle mit zunehmender Frustration durch die Straßen laufen, solange wird das nichts mit dem Aufschwung. Und dann wird es erst richtig teuer.

Und ein Lächeln bei allem ist doch recht günstig zu haben.
Denkt mal drüber nach.

Düsseldorf, 11.05.2020