Die Normalität der Effizienz ist vorbei.

von | Mai 18, 2020 | Essay

Die Aktualität aus der Fleischindustrie bewegt die Politik, die Fremdfirmen in den Schlachthöfen zu verbieten. Diese Fremdfirmen sind ja nicht zwischengeschaltet worden, weil die Fleischunternehmen soviel Spaß daran hatten, sondern weil die Arbeitskräfte billiger und belastbarer waren, als besser bezahlte, gewerkschaftlich organisierte deutsche Facharbeiter.

Effizienz – das Stichwort und Programm der letzten Jahrzehnte vieler Unternehmen und deren Berater. Effizienz- Programme, stramme Organisationen, auf „max-Output“, „min-Input“ getrimmte Produktionsprozesse. Es gab Beraterkulturen, die ihr Geschäftsmodell darauf aufbauten, dass sie Garantien für Kostensenkungen gaben, an denen sie dann verdienten.

Die Qualität der Arbeit und der Produkte war nebensächlich – Hauptsache billig eingekauft. Man war stolz, Kostenführer zu sein. Man versprach sich durch Kostenführerschaft größere Handlungsfreiheit in der Eroberung neuer Möglichkeiten und vergaß, dass Kostenführerschaften nur dann sinnvoll sind, wenn sie an Innovations-Prozesse und deren Marktwirksamkeit gekoppelt sind.

Aber sind in der Bewältigung der wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie pure Effizienzgedanken noch hilfreich? Was beobachten wir alle gemeinsam? Alles mögliche aber eines sicher – eine sich neu definierende Werte-Hierarchie aller Dinge. Lebensmittel aus der Nähe und in der Nähe gekauft steigen im Ansehen. Turnschuhe und neue Sport-Shirts eher nicht. Das Billigfliegen wird auch der Vergangenheit angehören. Fliegen wird wieder Luxus. Reisen wird Luxus. Der Massentourismus wird vor dem Phänomen „Angst“ kapitulieren. Individualität und präzise Wunscherfüllung werden die Konzepte erfolgreicher Unternehmer sein.

Die Nachfrage nach Schrebergärten steigt massiv. Irgendwie einen Platz an der heimischen Sonne, in Kombination mit dem Prinzip „my home is my castle“, ist das Sehnsuchtsziel. Und das alles gepaart noch mit einer geduldigen Ertragung der Einschränkungen des Lebens.Und wir beobachten weiterhin, dass doch viele Unternehmen immer noch glauben, in ein paar Wochen sei der ganze Spuk vorbei.

Was, wenn nicht? Wenn in den Unternehmen die Normalisierung durch verkrampftes „Wiederauflebenlassen“ der „Vor-Corona-Verhaltensweisen“ nicht gelingt und sich der gewünschte Erfolg nicht einstellt. Überhaupt ist eine Verkrampfung festzustellen. Viele klammern sich an Lösungen, die nicht der neuen Realität entsprechen, und die nur der Versuch sind, alte Muster den neuen Verhältnissen irgendwie anzupassen. Die Frage ist, funktioniert das?

Lassen Sie mich das Phänomen der Verkrampfung an einem Beispiel erläutern.
Schauspielhaus, Theater, Oper, brauchen das begeisterte Publikum, brauchen leidenschaftliche Schauspieler und Sänger, die mit ganzer Inbrunst ihre darstellende Kunst kraftvoll spielen und singen. Aufgrund der Hygienevorschriften dürfen die Besucherreihen nicht voll besetzt sein, die Darsteller müssen auf der Bühne Abstand halten, Liebesszenen können nur in hygienischem 2-Meter-Abstand erfolgen. Eventuell stehen die Zuschauer in der Pause mit Atemmasken geschützt im Foyer und versuchen, durch das Bio-Baumwolltuch ihrer „designten“ Masken, das Glas Champagner zu „schlürfen“. Dieses Erlebnis ist schaurig und wenig Lust vermittelnd, demnächst wieder ins Theater zu gehen. Das ist die verkrampfte Art, an die Zeiten vor Corona anzuknüpfen – nur mit den vom Gesundheitsamts vorgeschrieben Regeln.

Die unverkrampfte Art wäre es, das Schauspiel auf die Straßen zu bringen, – wie in vergangenen, längst vergessenen Zeiten, als die Schausteller von Markt zu Markt zogen und ihre Bühne aufschlugen, und je unterhaltsamer sie spielten desto mehr Leute blieben stehen und warfen hinterher ihre Münzen in den Hut.

Neue Normalität, neue Möglichkeiten, Inspiration, Spontanität und eine gewisse Unbekümmertheit. Immer noch besser, als depressiv oder frustriert zu planen, was sowieso nicht zu planen ist. Übertragen wir das auf den Abschied von der Effizienz. Wenn man sowieso nichts mehr richtig planen kann, worauf kommt es dann an? Auf Spontanität, Ideenreichtum, Überzeugungskraft, Ruhe in sich selbst finden, durch den eigenen Kompass für die Landkarte des Lebens.

Sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, mit der Gelassenheit des Könners, scheint ein Gewinnerrezept zu sein. Nicht „me-too“ zu effizienzgetriebenen Preisen, sondern „very special“, für wertschöpfende Erträge, wird zum Maßstab der Entscheidung. Mit gleichmachendem Durchschnitt kann man nach der Hauptphase der Krise eventuell nicht gewinnen. Standardisierung als Grundlage für Effizienzdenken ist out.

Diese Prognose wagen wir mal. Die nun in die Verantwortung hineinwachsenden Generationen müssen sich an diese Gedanken erst gewöhnen und lernen, mutig zu entscheiden und Verantwortung zu übernehmen. Effizienz wurde auch immer gern als Alibi genommen, um konsensfähige Entscheidungen zu treffen.

Erlauben Sie eine kleine freche, aber charakterisierende Analogie. Was ist der effizienteste Einkaufsmaßstab für einen Autokauf, – der günstigste und billigste Kilopreis. Blech ist das Maß einer konsensgesteuerten Entscheidungsbasis. Ich bin sicher, dass ein verrosteter Fiat 500 oder Lada aus einem russischen Sibirieneinsatz der Gewinner ist, wenn es um den „Kilopreis Auto“ geht. Wer könnte denn gegen einen konsensfähigen Durchschnitt etwas einwenden, in einem komplexen Entscheidungsgebilde, wie sie Großorganisationen sehr oft haben.

Die effizienzgetriebene Entscheidungsmentalität des Herrn C. Rohrstedt von Adidas hat ihn, den Star des DAX und Investoren Liebling, über Nacht entzaubert. Das Ende vom Prinzip „kaltes Kalkül“.

„Mut zur Freiheit“ – das Motto meines Oberstudien-Direktors des Düsseldorfer Humboldt Gymnasiums in den frühen 60iger Jahren des letzten Jahrhunderts, ist immer noch ein guter Ratgeber und Verhaltensorientierung.

Wir als Unternehmer müssen uns überlegen, wie wir einen neuen unternehmerischen Spirit in unsere Unternehmen bringen. Es muss ein Überlebenswille deutlich werden. Wir sollten akzeptieren, dass wir die Komfortzone des Wohlstands verlassen müssen, zumindest gedanklich, um überlebensfähig zu sein. Besser jedoch auch, wenn wir Dinge ausprobieren, die vor Corona aus Effizienzgründen nicht denkbar waren.

Man wird wahrscheinlich feststellen, wie auf einmal eine neue Lust am eigenen Tun entsteht.

Düsseldorf, 18.05.2020