Die sorglose Wohlstandsmentalität des Denkens und unser „verrücktes“ Treiben in den letzten Jahren – und was plötzlich in unserem kleinen Leben geschieht.

von | Mrz 26, 2020 | Essay

Erlauben Sie uns einfach ein paar Beobachtungen der letzten Tage,
– die Schlussfolgerungen möge ein jeder selber ziehen.

Keine Angst, wir reihen uns nicht ein in die Phalanx der Gesellschaftsphilosophen und Analytiker, die uns jetzt erklären, dass es ab jetzt nicht mehr so sein wird, wie früher – oder vielleicht doch, nur ein bisschen anders. Und die Wiederholung von Szenarien, die man in diesen Tagen so oft liest, dass sie zu sich erfüllenden Prophezeiungen werden, ist auch nicht unser Ding.

Erlauben Sie uns einfach ein paar Beobachtungen der letzten Tage, – die Schlussfolgerungen möge ein jeder selber ziehen.

Beginnen wir mit David Hockney, der sein Bild „Osterblumen“– übrigens hergestellt mit digitaler air-brush Technik – ganz altmodisch auf seinem Hof in der Normandie mit einem Titel versah, der uns beeindruckte – „denkt daran, dass der Frühling nicht gestrichen werden kann“. Danke an die FAZ Redaktion, dass sie uns diesen Gedanken gedruckt auf Papier schrieb.

Die Unverwüstlichkeit eines genialen Künstlers, der mit seiner Intuition und Gespür für die Seelenlage der Menschen etwas zum Ausdruck brachte, was sich in den zurückliegenden, sogenannten „normalen Zeiten“ so richtig keiner mehr traute – vor allem viele in der Kommunikationsbranche – nämlich etwas auszusprechen, was immer schon so war, jedoch im Augenblick schwer vorstellbar. Der Glaube an etwas irrational Schönes und somit Wertiges. Die Klarheit des Gedankens und die Suche nach dem Kern der Sache. Sozusagen der „purpose of life“.

In seiner Einfachheit des Gedankens beschämt er eigentlich alle diejenigen, die in den vergangenen Jahren nur noch in „moments of clarity“, „rational effectiveness“, „cool analytics“ und „price performance ratios“ gedacht und agiert haben.

Die Stimmen der Rufer in der Wüste, die zunehmend verzagt von den Werten und von den Wertestrukturen, ob ideell oder rational, gesprochen haben, wurden leiser oder belächelt. Sie atmen jetzt auf.

In den letzten Tagen erleben wir plötzlich eine andere Diskussionskultur. Man ist offen für den wirklichen Rat in Hinblick auf die nachhaltigen Resistenzwerte von Unternehmen und deren Services und Produkte. Die werbeplastischen Ausdrucksformen und deren Instrumente werden zur Seite geschoben. Gott sei Dank. Man kann sie nicht mehr hören und man will sie auch ganz plötzlich nicht mehr hören, geschweige denn, dafür auch noch bezahlen. Die beliebigen kurzatmigen Ideen und Interpretationen von „Emotion“.

Ein wunderbarer, ca. 35 Jahre alter CEO einer der traditionellsten Spirituosenhersteller Deutschlands, beladen mit dem Erbe dieses Unternehmens, spricht mit uns nicht mehr nur über „Digitales“ und „CMR Optimierung“. Er spricht mit uns am 20.03.2020 – Einschränkung des öffentlichen Lebens – sehr lange und intensiv über die Seelenlage seiner Kunden. Er bespricht mit uns, wie wir aus seinen Marken wirkliche, basale Verwendungsmotive bedienen, nicht Scheindifferenzierungen, Subsegmente, nischige Scheinalleinstellungen, abstrakte „Marketing-Geschwurbel“ Positionierungen.
Nein, er will schonungslos einfache und grundsätzliche, existenzberechtigte Überlegungen, welche wirkliche Aufgabe seine Produkte in Zukunft haben, jenseits ihrer kurzfristigen Rolle als Seelentröster. Lieber David Hockney ,– sorry für den letzten Satz.

Wir bemerken in den letzten Tagen, dass all die wilden, sogenannten creativen Generationen, die ab 1970 geboren wurden, ruhig geworden sind. Keine Content Hype, keine „social media quick solution strategie“. Sie stehen vor einem Phänomen, das sie noch nie kennengelernt haben. Man kann plötzlich nicht mehr alles machen und tun, was man gerade will. Die Jetztzeitigkeit der Wunscherfüllung ist angehalten. Die Gesellschaft von heute kann es noch nicht verstehen, dass Ruhe herrschen soll. Ruhe stand gestern noch für alt, behäbig, analog, mindestens jedoch nicht cool.

Der zunehmende Wohlstand unserer Gesellschaft hat uns eine Denkkultur eingebracht, die in diesen Zeiten hinderlich ist. Wir müssen uns wahrscheinlich daran gewöhnen, dass Gefühle wieder etwas zählen. Und dass unternehmerische Absichtserklärungen sich abkoppeln müssen von Aktienverläufen. Sie müssen ehrlich sein und ehrlich formuliert sein. Man wird lernen müssen, zu seinen Entscheidungen der Vergangenheit zu stehen, auch wenn sie im Augenblick viel Geld kosten.

Dr. Peter Harf von JAB sagt es ganz einfach, „einige unserer Beteiligungen haben es im Augenblick schwer, andere verdienen Geld. Dann leiten wir eben das Geld um“. So einfach und richtig. Auch als ehrlicher Ausdruck dessen, welche Verantwortung Unternehmer haben. Übrigens – Dr. Peter Harf ist nicht bekannt für sozialromantische Entscheidungen. Bei ihm werden keine chromblitzende und Verantwortung abschiebende Gruppen gebildet, die irgendwelche Scheinstrategien entwickeln sollen.  Nein, Klartext – der eine hilft dem anderen. Danke für diesen Gedanken, lieber Dr. Harf. Das ist „corporate purpose“ at its best.

Die Verwöhntheit des Denkens ist die Konsequenz aus der Verwöhnheit unseres Lebensstils der letzten ca 50 Jahre.

Das fliegt uns allen gerade um die Ohren. Wir haben uns oft selber verwirrt, indem wir alles für machbar hielten, wenn es dann nur cool verkauft wurde. Wir spüren gerade, was es heisst, vom Leben nicht mehr verwöhnt zu werden oder von Einschränkungen verschont zu sein. Dieses Learning wird Einfluss auf zukünftige Kommunikationsarbeit haben. Die „ich-Aufladung“ aller bekannten Konzepte der jüngsten Vergangenheit, – eine Konsequenz der Verwöhntheit – ist an die Grenze gekommen. Was konnten wir der unbekümmerten Sehnsucht noch bieten? Überall das Gegenteil – „ich“-Optimierung, „ich“-Massagen, online sowieso, „ich“-Management, rund um die Uhr Profil zeigen, Bild posten, Präsenz markieren, – ich! ich! ich!

Jetzt wird uns gezeigt, dass das eventuell nicht „gesund“ sein könnte, vor allem nicht mehr helfen würde. Es geht um das Verstehen, dass wir nur in einem „wir- Gefühl“ diese für uns alle neue  Situation überstehen können. Wir werden sehen, wie Humor, Musik, Bilder, Stimmungen und eine intelligente Sprache uns helfen werden. Ich meine nicht die aufgeregten, hippen, kreischenden und vermeintlichen antreibenden Hard Beat Orgien, mit tanzenden Menschen und irren Gesichtern, gefilmt und gezeigt, wie dynamisch wir doch alle sind. Ich denke da an die Motivationsfilmchen, die im Auftrag alter, weiser Männer von sogenannten digitalen Transformern hergestellt wurden und armen Vertriebsseelen auf die Sprünge helfen sollten. Ich bin sicher, jeder hat so ein Werk in den letzten Jahren gesehen.

Es wird wieder intelligenter zugehen, in den Gesprächen. Wir spüren das jetzt schon. Das geht offenbar und Gott sei Dank schneller, als man gestern noch hoffen durfte. Wir werden eine Diskussionskultur der gegenseitigen Inspiration bemerken. Inspirieren heisst auch, zuhören und gemeinsam weiterentwickeln. Inspirieren heisst, Gedanken anbieten mit der Aufforderung, weiter zu denken. Inspirative Entscheidung heisst auch, überhaupt entscheiden, und es nicht den clouds überlassen. Es ist in Zukunft nicht das richtig, wozu alle ja sagen, sondern das, was den Kern einer Sache trifft.

Dies alles bemerken wir. Deshalb waren die letzten Tage aufregend und spannender denn je. Von Unternehmensgesprächen und Hilfestellungen, die in aufrichtiger Weise die Grundversorgung sicherstellen wollen und aus sich selbst heraus wollen, bis zur Korrektur von Aussagen, die noch nicht mal mehr für Börsenohren wirklich gut waren. Es darf heutzutage keinen Zusammenhang von Erfolg, ausgelöst durch die Krise geben. Es gibt sie wieder, die ethisch und sozialmoralische Messlatte, ohne die basale Wirtschaftlichkeit des Tuns in Frage zu stellen. In diesem Zusammenhang – Prof. Simon hat recht, wenn er sagt, Gewinne zu erzielen ist nicht unmoralisch, auch hohe Gewinne sind relevante und positive Konsequenzen richtigen Handelns und nicht durch alles bisher Gesagte infrage gestellt. Die Frage, wie entstehen Gewinne und was wird mit ihnen gemacht, bekommt eine neue Wichtigkeit.

Insbesondere dieser Aspekt der tatsächlichen Relevanz der Corporate Communication wird Gewicht bekommen. Warum wir glauben, dass es so kommt? Unsere Lieblingsempfehlung für die Ungläubigen unter Ihnen – „zwei Physiker treffen sich im Ferienhaus. Wolfgang Pauli, Nobelpreisträger, besucht Niels Bohr, ebenfalls Nobelpreisträger. Er sieht, dass über dem Eingang ein Hufeisen hängt. „Herr Kollege“ sagt er, „Sie, ein Glücksbringer über der Tür? Sie glauben doch nicht etwa daran?“
„Natürlich nicht“, entgegnet Niels Bohr, „aber ich habe gehört, es funktioniert, auch wenn man nicht daran glaubt“.

In diesem Sinne. Frohes Schaffen in der Zukunft.

Peter Maeschig

Düsseldorf, 23. März 2020

Die Osterglocken: Eine Botschaft von David Hockney - zur Aufheiterung

Die Osterglocken: Eine Botschaft von David Hockney – zur Aufheiterung aus FAZ.Net vom 20.03.2020.