Eine moderne Gesellschaft kann die Wahrheit vertragen.

von | Apr 7, 2020 | Essay

Wie geht eine Gesellschaft wie die Deutsche, oft als aufgeklärt und informiert bezeichnet, mit Nachrichten um? Offenbar gibt es im Zeichen von Corona zwei Thesen, – bitte nicht zu schnell, zu früh, zu konkret über die Lockerung der Restriktionen reden, denn sonst rennen wieder alle los, und die Katastrophe nimmt ihren Lauf, oder – es werden Perspektiven angeboten, die den Menschen die Rückkehr zur Normalität wieder vorstellbar machen und helfen, Handlungsanweisungen zu verstehen und zu akzeptieren.

Es wird in den nächsten Tagen zu einem Kippzeitpunkt kommen, an dem unwiderruflich die Stimmung im Lande im wahrsten Sinne „umkippt“. Die Ungewissheit und die Verunsicherung sieht man in vielen Gesichtern. In den fragenden Blicken der Mitarbeiter, den bangen Fragen, wenn man abends nach Hause kommt. „Wie lange geht das noch?“ – „ich weiss es nicht“. Die Perspektivlosigkeit wird die Menschen fertig machen. Gleichzeitig beobachtet man verstärkte Polizei Präsenz. Frau Merkel verspricht, dass sie permanent nachdenkt. Und merkt sie auch, dass sich die Gefühlslage von uns allen einem instabilen Punkt nähert?

Informationstheoretisch passiert gerade folgendes. Der Datenspeicher der Menschen wird nicht mit Neuigkeiten gefüttert. Es findet eine zunehmend redundante Hypertonie statt. Das führt im Extremfall zum Stillstand des Nachdenkens, weil man keine Anreize bekommt, neu und in die Zukunft blickend zu denken. Die Phantasie , – eine wichtige Quelle des Neubeginns, – verarmt. Man kann sich irgendwann nicht mehr vorstellen, dass das Ganze vorbei sein wird – irgendwann. Die Hoffnung stirbt zwar zuletzt, aber sie muss auch „gewässert“ werden.

Das ist der entscheidende Punkt, den unsere verantwortungsbewusste Regierung in Berlin vielleicht übersieht. Gut, dass wir in NRW Herrn Laschet haben. In Zeiten von Social Media, Informationskanälen ohne Ende, könnte man die berechtigte These aufstellen, dass die Menschen an Informationen gewöhnt sind. Dass sie selektieren können. Man spricht doch vom erwachsenen, mündigen Bürger, – warum werden wir jetzt wie Kleinkinder behandelt, die zwar alles essen, aber nicht alles wissen dürfen.

Perspektive geht nur mit klaren Informationen, wie es weiter geht. Und dazu gehört auch, dass nichts mehr so normal sein wird, wie vor Corona. Und dass die Sprache eine andere sein wird. Wir werden uns angewöhnen müssen, dass Begriffe wie „wertvoll“ und „sinnvoll“ an Bedeutung gewinnen, dass wir vorsichtiger mit Übertreibungen und werbeplastischen Denkmodellen umgehen müssen, und dass die Gesellschaft unruhig wird, wenn sie nicht alles, mindestens jedoch das wichtigste weiss.

Lieber Stephan Grünewald, wenn Sie sagen, „wir befinden uns in einer sozialen Fastenzeit“, heisst das, dass wir uns sozusagen den Gürtel enger schnallen müssen, weil wir genügsamer werden sollen im Erhalt von relevanten Informationen? Ich hoffe, Sie beraten unseren Ministerpräsidenten so, dass wir zunehmend als Erwachsene behandelt werden, die ein Recht auf Informationen haben.

Und aus vielen Untersuchungen – auch mit Ihrem Institut – haben wir immer wieder gehört, dass die Menschen differenzieren können, bewerten können und Entscheidungen sowohl als Homo Emotionalis als auch Homo Ökonomicus treffen.

Die Menschen können die Wahrheit besser vertragen, als das zunehmende Gefühl,
dass ihnen etwas vorenthalten wird. Entmündigung hat historisch früher oder später zur Revolution geführt.

Düsseldorf, 7. April 2020