Je wirrer desto irrer.

von | Apr 17, 2020 | Essay

In Macbeth singen die drei Hexen,„schön wird hässlich, hässlich wird schön“.

Man verliert allmählich die Orientierung, was ist nun wahr, und was ist nicht wahr. Ist unsere Regierung einfach so viel genialer, als alle anderen Regierungen zusammen, oder ist der Ausbruch des viralen Strombolis, genannt Corona, besonders dort furchterregend wirksam, wo der Boden der Ansteckung geeignet ist. Dort, wo auch in gesunden Zeiten das Gesundheitssystem vernachlässigt wurde, oder wo monatelang Nebelbänke in der lombardeischen Ebene herrschen, oder wo es nur ein Zweiklassensystem der Gesundheitspolitik gibt, die Geldhabenden überleben, die Nicht-Geldhabenden haben Pech und so weiter und so weiter.

Und dann schreibt die neue Zürcher Zeitung gestern, dass wir Deutschen aus der Wohlstandsillusion ziemlich abrupt wach geworden sind. Wir merken, so reich sind wir gar nicht, wie wir zunehmend geglaubt haben. So schnell schmilzt die kleine Liquidität dahin, wie Butter in der Frühlingssonne, die Gott sei Dank scheint.

adidas mutiert vom Börsenstar zum Bittsteller. Und die vielen kleinen Mittelständler, sie rafft der „Corona-kein-geld-mehr“ post- infektionale Virus dahin. Man kann das Wort systemrelevant auch nicht mehr hören. Sind Turnschuhe wirklich systemrelevant?
Den großen wird geholfen, die vielen Kleinen warten auf Hilfe.

Und dann heute in der FAZ. „Folgen wir der Ursprungsfrage“ – woher kam eigentlich der Virus? Ist er bio-chemisch gebastelt, oder kommt er doch von einem Schuppentier, aus dem sich die Chinesen die herrliche „Leguan-Wan-Tan-Suppe „kochen? Selbst Herr Trump druckst herum, der doch sonst alles weiß. Vielleicht weiß er in diesem Fall wirklich mehr als selbst die Chinesen.

Bitte keine Verschwörungstheorie.

Ich sprach mit einem gutmütigen, wunderbaren Hals-Nasen-Ohren Arzt. Der sagte mir, dass alle Virologen recht hätten – wie bitte? Man weiß nicht, was Corona ist. Oder man sagt es uns nicht. Man forscht und sucht nach Impfstoffen, aber es wird dauern. Warum?Man hat keine Ahnung. Bittere Erkenntnis.

Und es ist erstaunlich, was alles möglich gemacht wird in kürzester Zeit. Entscheidungen werden gefällt, die sonst monatelange und jahrelange parlamentarische Prozesse überstehen müssen. Es werden unvorstellbare Summen genehmigt, die die nächsten Generationen belasten werden, wenn sie denn jemals ausgezahlt werden. Oder sagt man nur, die Gelder stehen zur Verfügung, in Wirklichkeit weiß man aber, dass die Auszahlung gar nicht stattfindet.

Von Greta hört man auch nichts mehr. Die Medien haben jetzt ein anders Themenfeld. Oder ist es einfach nur so, weil die Schulen sowieso geschlossen haben, macht auch „Friday for Future“ keinen revolutionären Sinn mehr. War das Umweltthema ein Wohlstandsthema, oder ist es immer noch da, nur keiner interessiert sich mehr dafür. Man weiß es nicht.

Das einzige, was man weiß, ist, dass eine große Chance besteht, die Destabilisierung des vermeintlich wirtschaftsstarken, sogenannten Westen erreicht zu haben. Wenn man schon keine Kriege mehr führen kann und darf, dann machen wir es eben über Krankheiten und Seuchen. Hat früher doch auch schon funktioniert. „Schön wird hässlich, hässlich wird schön.“

Natürlich werden Werte sich verändern. Regionales, lokales Gemüse steigt im Kurs, der 12 Zylinder Ferrari sinkt in der Begehrlichkeits Hierarchie. Bauernläden erleben eine Nachkriegs Begehrlichkeits-Rennaissance, wie man es nie geglaubt hätte.Selbst hartgesottene Einkäufer des Lebensmittelhandels beginnen, sich wieder mit Warenqualitäten auseinander zu setzen, – insbesondere diejenigen werden vom Saulus zum Paulus, die sonst jeden Cent Marge aus den Lieferanten herausgequetscht haben.

Und erst der Online Handel.
Der bis März 2020 oft verfluchte, sogenannte „digitale Transformationsprozess“ wird zum Heilsbringer Vertriebskanal, selbst für die, die keine Lust mehr haben, für 10 Sonntagsbrötchen beim analogen Bäcker Schlange stehen zu müssen. So wird aus Tiefkühlessen des deutschen Lieblingsessen. „Schön wird hässlich, hässlich wird schön.“

Mode und Klamotten aus dem Internet-Corona ist der Katalysator einer Entwicklung, die schon lange vorher begonnen hat. Wir schreien vor Glück.

Leider kein Stoff, Cashmere ade, kann mehr vor dem Kauf angefasst werden, zwischen den Fingern gleiten. Die Uniformität des Dresscodes nimmt zu. Schauen Sie sich doch schon heute einmal um – alle sehen wir gleich aus. Sneaker, Jeans in allen Variationen, Poloshirts, meist dunkel, irgendeine Windjacke.
Eleganz – fehl am Platz. Braucht man nicht, will man nicht.

Der Geschmacks-Sozialismus hält endgültig Einzug in die deutsche Seele. Geschmack, Qualität, Stil, Individualität – Themen der Vergangenheit?

Aber wir sehen schweigend zu, wie systemrelevante, große Unternehmen gestützt und gefördert werden. Da ist der Sozialismus schon angekommen. Könnte es sein, dass Corona auch der Beschleuniger eines Traumes ist, den eigentlich fast jeder Berufspolitiker pflegt, der Vereinheitlichung von allem. Kleine und individuelle Geschäfte können doch ruhig verschwinden, wer braucht sie schon? Dabei ist gerade das mikroökonomische, das kleinteilige Wirtschaften das Getriebeöl, das eine Gesellschaft wie geschmiert laufen lässt. Aber natürlich schwerer zu steuern und zu besteuern. Honi soit qui mal y pense. Aber vielleicht steht ja hinter der Berliner Politik etwas ganz anderes.
Macbeth. Vierter Akt, erste Szene – alle Hexen:

„Doppelt plagt euch, mengt und mischt!
Kessel brodelt, Feuer zischt“

und weiter,

„kommt Groß und Klein!
Seid dienstbehend und stellt euch ein!“

Lass’ uns hoffen, dass es nicht so ist. Und dass wir wieder zu einer Normalität kommen, die die individuelle Freiheit aller zulässt. Vielleicht lernen wir eines – lasst uns einfach netter zueinander sein, und lasst uns die extreme Ellbogengesellschaft hinter uns lassen. Dann hätte die wirre Corona auch etwas Gutes gehabt.

Düsseldorf, 17. April 2020