„Moments of Clarity“

von | Jan 4, 2021 | Essay

Oder: es soll alles anders werden, wie es vor Corona war.

Die Analysetechnik „Moments of Clarity“ ist die auf den ersten Blick nicht logisch zusammenhängende Reihung von Beobachtungen und Ereignissen. Sie führt am Ende zu einer Klarheit der Einschätzung, die wirklich unserem Kopf weiterhilft mit diesen Zeiten fertig zu werden.

Denn nichts was im Augenblick geschieht folgt einer in sich geschlossenen Logik. Die Human Sciences legten dieses Verhaltensprinzip offen – der Mensch verhält sich nicht logisch. Deswegen ist es so einfach für die politischen Entscheider, so mit uns umzugehen, wie sie es gerade tun.

„Moments of Clarity“ ist das Ergebnis von Beobachtungen von Ereignissen, die nicht zusammengehörig erscheinen und deren Verknüpfung keinem kausalen Zusammenhang entspricht.

Weil die Menschen der heutigen Generationen nur noch die vermeintliche Logik kennen, werden vermeintlich logische Ketten zur Meinungsbildung herangezogen. Die Menschen bringt jedoch mehr das Kreative, Neue, scheinbar Unlogische weiter. Hier klingt wieder die Theorie von Daniel Kahnemann und Amor Tverski durch, die Theorie von System 1 und System 2 in unserem Hirn.

Aber der Reihe nach.
Der Impfstoff ist da, die Menschen schöpfen Hoffnung, da entsteht schon die von Politikern ausgelöste Diskussion, dass der Impfstoff möglicherweise nicht davor schützt, dass der Geimpfte nicht doch andere anstecken kann. Was auch immer medizinisch an diesem Gedanken richtig sein mag, er hat das Potential die Menschen weiter zu verunsichern nicht an den Impfstoff zu glauben und gibt den Regierenden die Chance, die Ausnahmesituation zu verlängern. Natürlich alles unter dem Erklärungsschirm der Fürsorge und Gesundheit. Das heißt, die Phase der weitgehenden Selbstisolation geht weiter: kein Theater, kein Kino, keine Reisen, keine Besuche. Man muss schon Fan von freudlosen puritanischen Zuständen sein, um der eigenen Gesellschaft solche Zwänge aufzubürden. Wohl gemerkt sterben immer noch mehr Menschen an anderen ansteckenden Krankheiten. Ich glaube Herrn Söder wenn er sagt, die Menschen sollen bitte nicht ungeduldig werden, das wäre ja das Schlimmste, was den Regierenden passieren könnte.

Ricardo Muti sagt beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, dass doch bitte schön die politisch Verantwortlichen Kultur, Kunst und Musik als Botschafter der Freude, Empathie und Frieden ansehen mögen. Menschen, denen für eine längere Zeit das Emotionale entzogen wird, werden launisch, aggressiv und depressiv (sinngemäß).

Untersuchungen aus dem Herbst 2020 zeigten schon Symptome auf, dass freudloses, puritanisches Leben die Menschen verändert, sie lähmt.

Zum Leben gehört Farbe, sprechen, singen, Theater, Konzerte, Begegnung. Wenn die Einsperrung noch länger anhält gewöhnen wir uns an unser Höhlendasein, mit all seinen Konsequenzen. Kein Wort der Regierenden zu diesem für Menschen so wichtigen Ausgleich vom täglichen Einerlei. Solange die Menschen arbeiten, essen und trinken und nicht auf der Straße landen ist doch alles in Ordnung.

Ich sprach neulich mit einem jungen Hochschuldozenten der ETH Zürich. Ich fragte ihn, was er denn über Deutschland denkt. Zu meiner Verblüffung antwortete der junge Mann, dass die Deutschen können sich nicht entscheiden können, ob sie der Obrigkeit wie immer komplette Gefolgschaft leisten sollen oder wollen, oder ob sie sich trauen sollten, eine konstruktive aber öffentlich wirksame Kritik und Alternative zu diskutieren und das Sendungsbewusstsein der Deutschen ausleben sollten.

Sie sind gelähmt von der Frage wie gefährlich die Situation wirklich ist und ob die Maßnahmen wirklich so zwingend notwendig sind.

In diesen Zwiespalt hinein werden immer wieder Informationen gestreut, dass Diktaturen wie China die Krise vermeintlich viel besser im Griff hätten. Dieser Hinweis legitimiert implizit und unterschwellig die Lockdown Maßnahmen. Also bevor wir Umstände wie in China bekommen, ertragen wir doch unsere harmlosen Maßnahmen, bleiben freiwillig zu Hause und vergessen dabei, dass oft der Weg das Ziel ist.

Ruhe ist die erste Bürgerpflicht – ein Gedanke aus der Preußenzeit. Deutschland in der Zerrissenheit seiner Empfindungen. Jeder, der auch schon mal tiefe Zweifel an eigenen Entscheidungen empfunden hat, weiß, wie belastend ein länger anhaltender Zustand des „Zweifelns“ sein kann.

Ich lese einen Bericht von einem HNO-Arzt aus Hamburg, der zu einem mobilen Impfteam gehört, über seine an Corona erkrankten und verstorbenen Patienten. Da ist sie wieder: die Angst, die Sorge, das Verständnis, dass keiner mehr gerne zu Besuch kommt. Dass getestet werden muss, dass wir alles irgendwie akzeptieren sollten. Jede Nachricht über einen Corona Toten lässt uns immer nachdenklicher werden.

Ich höre von einem anderen HNO-Arzt, dass die Zulassung des Impfstoffes im Rahmen einer Notfallverordnung schon früher im Jahr 2020 durch die deutsche Regierung hätte erfolgen können. Notfallverordnung hätte bedeutet, dass der Staat die Verantwortung für Folgen übernimmt. Aber wer übernimmt heute schon Verantwortung? Da versteckt man sich lieber hinter medizinischen Aussagen, die fast jede Entscheidung legitimiert.

Also – die Quersumme aus Verunsicherung, permanenter Diskussionen unter so genannten Fachleuten und Politikern, mangelnder Austausch der Menschen untereinander, gezielte Informationspolitik, permanente Präsentation von Daten über positiv Getestete, Tote und Engpässe in Krankenhäusern, Überlastung des Gesundheitswesen – was macht das alles mit uns?

Es wird immer wieder von Gesellschaftsphilosophen und Soziologen darauf hingewiesen, dass am Ende der Krise nichts mehr so ist wie vorher. Man kann aber auch den Standpunkt vertreten, dass es auch so gewollt ist. Übrig bleiben uniform geformte Verhaltensweisen, die gleich gerichtet weitestgehend Individualität ausklammern, Freiheiten sich selbst einschränken – im weitesten Sinne eine verschüchterte Gesellschaft. Eine solche Gesellschaft ist natürlich leichter zu führen. Wer permanent Angstgefühle hat, wird zunehmend schwächer.

Angenommen diese Entwicklung würde sich bestätigen, werden wir zu einer Gesellschaft, die keinen Mumm mehr hat, die keine Freude mehr hat, deren Gestaltungskraft geringer wird. Ganz zu schweigen von den reaktionären Kräften, die sich in einem solchen Gefühlssumpf entwickeln.

Menschen sind kommunikative Wesen, sie brauchen die Begegnung, sie brauchen Ziele, sie brauchen Bewegung, sie wollen entdecken, in die Ferne schweifen und neue Aspekte in unser braves Leben bringen. Sie brauchen Perspektiven, sie müssen die Chancen sehen und bekommen, sie brauchen Haltepunkte für ihre Gefühle.

In diesem Sinne leben wir in einer „verrückten“ Welt. Wir rücken uns in eine Ecke. So kann man den Satz der Politiker auch verstehen, dass nicht mehr so sein wird wie vor Corona, alles ist auf einem anderen Platz. Es bleibt die Frage: welche neue Ordnung entspricht der wesentlichen Auffassung der heutigen und zukünftigen Generation?

Wir werden gespannt sein und zugucken oder selber die Zukunft gestalten und das Heute gestalten.

Ich bin für Letzteres.

Köln 04.01.2021