„Mut zur Freiheit“

von | Apr 26, 2021 | Essay

Dieser heute bereits wieder unerhört klingende Satz stammt aus den frühen 50er Jahren des letzten Jahrhunderts – von dem damaligen Oberstudiendirektor Würtemberg des Düsseldorfer Humboldt-Gymnasiums.

Er meinte die Befreiung von allzu engen Erziehungs- und Unterrichtskonzepten der frühen Nachkriegszeit. Es wurde ausführliche Kunsterziehung und praktische, künstlerische Arbeitsstunden in die Wochenpläne eingebaut, es wurde Theaterunterricht gegeben und Theater gespielt.

Musikunterricht nahm einen für heutige Lehrpläne unverschämt großen Platz ein. Über die Beschäftigung mit all diesen schönen Künsten wurde ein kultivierter Freigeist bei uns Gymnasiasten entwickelt und gefördert.

So entwickelte sich ein Begriff von Freiheit, eingebunden in das strenge Prinzip der Verantwortungsübernahme. Uns wurde gelehrt, dass Freiheit ohne Idee und Vorstellungen einer sich weiterentwickelnden Gesellschaft nicht funktioniert. Und dass Freiheit ohne breit akzeptierte Wertesysteme nicht lange hält. So weit so gut, und vielleicht auch so traditionell.

Wir wollten damals alle einen persönlichen Freiheitsraum, Gymnasiasten zwischen 10 und 18 Jahren, als Basis für eine ungestüme Entwicklung in allen Bereichen des Lebens – beruflich, kulturell, entdecken, spinnen, studieren und was auch immer. Was wir auf keinen Fall wollten – gelenkt werden.

Und heute eine Entwicklung, die das Gegenteil von Freiheit ist, jedoch unter dem Deckmantel von Individualität, Sicherheit, Multikulturismus und vielen Facetten der politischen Ambitionen
verkauft wird.

Ein nachdenklich machendes, bedenkliches Beispiel ist die Story vom selbstfahrenden Auto. Dass die neuen Show Cars oft kein Lenkrad mehr haben und dass die Windschutzscheibe, durch die der Fahrer einst in die Welt schaute, in die er hinein steuerte, jetzt ein Screen ist, auf dem Filme ablaufen.

Man kann das herrlich bequem finden – es ist aber auch ein Spiegelbild einer Gesellschaft, deren Führung ihren Bürgern gern das Lenkrad aus der Hand nähme – zugunsten einer ökologisch und ökonomisch effizienteren Zentralsteuerung. Man kann davon ausgehen, dass es eine ziemlich direkte Verbindung zwischen der Abschaffung des Lenkrades und dem Ideal des steuerbaren Bürgers gibt.

Bequemlichkeit, totale Fixierung auf Absicherung und Sicherheit, das Wegdelegieren eigener Entscheidungen, die Reduktion auf das Überschaubare, die Angst vor Neuem, das nichtssagende Moment einer Verkomplizierung und Überkomplexisierung von Problemen mit dem Ziel, nichts entscheiden zu können und zu wollen. Das ist die Einschränkung von Freiheit.

Es wird im Augenblick die hohe Kunst der Meinungsbildung praktiziert, die man als „trojanisches Pferd der Überlistung“ sehen kann. Im Argumentations-Bauch von Klimaschutz, Gutmensch-Dasein, alle Bürger sind gleich – Auswüchse des Kapitalismus sowie Sozialismus in Kombination mit der Untersagung aller künstlerischen Aktivitäten, wird ein Verhaltenstyp erzogen, dem Freiheit im ureigensten Sinne zunehmend gleichgültig wird. Er sieht keine Lösung mehr, die im individuellen Raum angesiedelt ist, sondern sich versteckt im grauen Raum der Gleichheit.

Wer anderer Meinung ist als der sogenannte Mainstream, ist gefährlich – mindestens jedoch ein Sonderling, den man besser meidet. Und so entstehen gleichmäßige Massen an träge dahinfließender Organisationsformen – keiner regt sich mehr richtig auf, komme was da wolle.

Und so regt sich auch keiner auf, wenn im Parteiprogramm der Grünen, so wie bekannt, geschrieben wird, dass die staatlichen Eingriffe groß und kräftig ausfallen werden, da ja sonst keiner “gehorcht“.

Schwache Proteste aus der Industrie, vereinzeltes Runzeln der Stirn bei anderen politischen Parteien, aber so richtig massiv hat sich noch keiner zu Wort gemeldet. Es scheint so, als hätten wir uns alle schon gefügt ins unentrinnbare der sozialistischen Logik – der Staat wird es schon richten. Was wirklich gemeint ist – „ihr wollt es ja nicht anders, als es euch richten lassen“.

Und so endet mein Albtraum mit Heinrich Heine – „Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht“

Und warum nur in der Nacht der leise Protest. Wir Unternehmer haben uns längst von Deutschland abgewandt. Ein Großteil der Umsätze und Profits werden von den großen Unternehmern längst im Ausland erwirtschaftet, ein Ausdruck von zunächst intelligentem Verhalten – Herr Scholz, der allerheiligste aller Finanzminister, möge mir verzeihen – dann war es ein gelobtes Exportverhalten, und nun ist es der glückliche Umstand, dass man mit der Lage in Deutschland nichts mehr zu tun hat.

Deswegen hört man nichts, sieht man nichts, sagt man nichts.
Freiheit, die wir nicht meinen können.

Köln, 26.4.2021