„Schlaglichter Anfang Mai 2020.“

von | Mai 6, 2020 | Essay

„Politik funktioniert zunehmend ideologisch. Jeder sucht sich seine angeblichen Fakten zusammen, die die eigene Ideologie bestätigen. Ich nenne das kognitives Vorurteil, – und das ist kein amerikanisches Phänomen“, sagt Francis Fukuyama, immerhin weltweit anerkannter Wirtschaftsprofessor.

Fast an dem selben Tag veröffentlicht Renate Köcher vom Allensbacher Institut ein Interview und sagt bewusst nebenbei, „der Machttrieb der Politik – Regulieren macht Lust auf mehr“.

Carsten Spohr wehrt sich gegen die Rettung durch die Regierung mit hohen Bedingungen, hohen Zinsen und zwei Aufsichtsratsmandaten bei der Lufthansa. Dieses florierende Unternehmen muss wirklich nicht den über 1 Mrd. Euro operativen Verlust im ersten Quartal 2020 verantworten. Die wären gerne weiter geflogen.

Die Kurzarbeiterzahlen steigen in schwindelnde Höhe. Im Herbst 2020 ist die Liquiditätsreserve des Arbeitsmarkt Instituts (Agentur für Arbeit) ausgeschöpft, und der Bund muss bald nachschießen. „Wir werden bald an unsere Grenzen stoßen“, bemerkt Renate Köcher recht trocken. Und Berlin äußert „sein Erschrecken“ über diese Zahlen.

Seit Jahren forscht ein Bio-Chemiker, Professor Rolf Hilgenfeld, Institut für Biochemie, Lübeck, an den Grundlagen solcher Viren. Er wurde belächelt, sein Institut bekam immer weniger Finanzmittel. Nun wird er mit der Verlängerung seiner Laufbahn beglückt. Das Beste kommt auch bei ihm zum Schluss.

„Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen, das ist in der Absolutheit nicht richtig“, sagt der zweite Mann im Staate, Wolfgang Schäuble.

In der Tat sieht unsere Verfassung keine Hierarchisierung der Grundrechte vor. Und ausserdem sprechen die Väter unserer Verfassung von der Unantastbarkeit der Würde des Menschen und nicht von seiner unendlichen Lebensdauer.

Der grüne Oberbürgermeister von Tübingen stellt recht radikal fest, „dass wir wahrscheinlich mit einem ungeheurer hohen Preis Menschenleben verlängern, die in den nächsten Monaten sowieso gestorben wären“ – wie gesagt, ein sozialromantisch politisch gestimmter Grüner. Nun wird über ein Partei-Ausschlussverfahren für ihn diskutiert.

Die Grünen sind in ihren Wertvorstellungen tief erschüttert. Die Entrüstung ist groß. Man darf und kann offenbar heutzutage Wahrheiten, die dem „social correctness“-Gedanken widersprechen, nicht mehr äußern. Das ist wie Fahrradfahrer anhupen, wenn sie ihre kürzlich gewonnene Straßenhoheit großzügig auslegen.

Man stürzt immer weiter in das Meer des Ungewissen. Man hört von den großen Zahlen der Erkrankungen und Todesfällen in den USA, UK, in Frankreich, Spanien und Italien. Man hört die bangen Stimmen, was passiert in Afrika, Indien, in Ländern mit noch schlechteren oder unvorbereiteten Gesundheitsstrukturen? Man hört immer wieder, wie gefährlich dieser Virus ist.

Man geht über eigentlich elegante Einkaufsstrassen, Königsallee, Maximilianstrasse, Kurfürstendamm, Alsterufer etc., und man sieht oft nur noch einen Typ Menschen, – fahle Gestalten, irgendwie verarmt und verhärmt, aber mit Maske. Und man wird gleichzeitig durch martialisch aussehende Fahrradfahrer und Jogger über den Haufen gefahren und gerannt.

Unsere Gesellschaft spaltet sich in eine Gruppe total fitter Amateur Sportler und in eine andere Gruppe, die sich schon jetzt nicht mehr zu helfen weiß, als im alten „Adidas Blouson Hosen Chic“ mit irgendeiner Einkaufstüte, immer noch oft aus Plastik, durch die Gegend zu schlurfen. Nach vorne gerichtete Dynamik sieht anders aus.

Der Ministerpräsident von Nordrhein Westfalen und der stellvertrende Bundestagspräsident Kubicki sind die ersten politischen Stimmen, die auf die ungeheuren Verhaltens- und wirtschaftlichen Störungen aufmerksam machen. Danke dafür.

Man weiß als Unternehmer nicht mehr, was man planen soll. Kommen Aufträge wieder, wenn Lockerungen so langsam wieder sichtbar und wirksam werden, oder ist es doch besser, Kurzarbeit anzumelden, auch wenn man gerade noch etwas zu tun hat? Und dann die komplizierte steuerliche Berechnung und die tatsächliche Abrechnung – da wird es jedem schwindelig.

Mitarbeiter werden misstrauisch, auch weil sie den Druck der Verantwortung nicht kennen, nicht kennenlernen wollen und besser auch nicht müssen.
Da man nicht „Lufthansa“ ist und nicht „Adidas“ heißt, wird ein Anruf bei Frau Merkel nichts nutzen – nicht systemrelevant.

Und dann wüsste man auch gerne, ob nicht bei erfolgter Rettung (je nach politischem Interesse) ein Staatssekretär plötzlich im Aufsichtsrat sitzt.

Sicher, der Ruf nach finanzieller Unterstützung ist auch ein Reflex der Unternehmer, aber haben wir den Stillstand in dieser Radikalität beschlossen? Bekommen wir nur Hilfe, wenn die freie Marktwirtschaft enge Zügel angelegt bekommt durch beamtete Experten?

Oder anders – der nach der Krise erwartete Wachstumsprozess wird als selbstverständlich unterstellt. „Geht raus in die Welt und kauft euch die Seele aus dem Leib“, und ihr Unternehmer, investiert in Menschen, Roboter und klimafreundliche Apparate, wir, der Staat, passen dann schon auf, dass alles „nach Plan“ erfolgt.

Irgendwie kenne ich das – hieß der Staat nicht DDR? Aber was passiert, wenn die Menschen erstmal nicht einkaufen, und die Unternehmer einen großen Teil der Mitarbeiter erstmal wieder motivieren müssen, richtig zu arbeiten –Ausnahmen bestätigen die Regeln.

Haben unsere Regierungsverantwortlichen eigentlich nicht vorhergesehen, was passiert, wenn man alles dicht macht und die Bevölkerung verängstigt? Jetzt war man ganz erschrocken, als man die Arbeitslosenzahlen in Verbindung mit den Kurzarbeiterzahlen gesehen hat.

Was würde Daniel Kahneman dazu sagen – Verhaltensökonom und Nobel Preisträger?Vermutlich würde er sagen, dass die Politiker primär nach dem System 1 in ihrem Hirn entscheiden – kognitiv, reflexartig, schnell und spontan –, sozusagen in einer geistigen Schnappatmung, ausgelöst durch Gefahr oder durch die Bequemlichkeit, erstmal nicht nachzudenken zu wollen. In einer ersten Phase der Krise hätten wir das wahrscheinlich alle getan.

System 2 des menschlichen Hirns geht etwas aufwändiger vor, mit mehr Energieaufwand und hätte den komplexen Zusammenhang der Entscheidungsfolgen bedacht. Leider sind in der Evolution diejenigen ausgestorben, die primär nach System 1 handelten. Kurzfristig konnte der Urmensch so sein Fluchtmuster gestalten, aber nur so lange, bis die Gefahr sich als komplexer herausgestellt hat. Nicht die schnellsten haben überlebt, sondern die fittesten und smartesten Anpasser.

Jetzt in der Phase 2 tauchen Abwägungen auf. Man sieht, was passiert und man ahnt, was noch passieren wird. Aber Politiker wollen die Kontrolle auf keinen Fall wieder abgeben. Eigentlich ist durchregieren doch ganz schön.

Nun brechen so langsam die Dämme der emotionalen Diskussion, und selbst Kardinal Marx „stellt ein Rumoren unter seinen Füßen fest“. Es wird mit Hilfen „gedroht“, die ein Unternehmen im Zweifel nicht zurückzahlen kann, wenn die Hilfen tatsächlich ankommen.

Diese Zeiten sind eine Einladung, über alles nachzudenken. Weniger global, weniger Stress am Arbeitsplatz, mehr Home Office, mehr Selbstbesinnung, mehr Kreativität, aber „bitte doch mit den Bezügen, die wir immer schon hatten“.

Das wird schwierig. Entweder man reduziert die Kosten fürs Überleben und nimmt leider in Kauf, dass die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens nachlässt, oder man reduziert Kosten, bei gleichzeitig steigender Betriebsintelligenz, um wieder durchzustarten, wenn die Krise lt. Regierungsentscheidung vorbei ist.
Dann könnte es zu spät sein.

Sehr geehrte Bundespolitiker, hier liegt der Fehlansatz des kompletten, so lange andauernden Lock Down. Unsere vielgliedrige Gesellschaft und Marktstruktur verlangt auch das „Machen“. Die Lust zu „Machen“ stirbt gerade in diesen Tagen und Wochen, in Gedanken der Verunsicherung. Denn die meisten Menschen reagieren nach System 1 – weniger Geld, weniger Arbeit, weniger Leistung, weniger Performance. Good night and good luck. Und die Regelungen der Kurzarbeit sind so einengend für Unternehmer, dass sie oft ihre Wirkung nicht entfalten können.

Nochmal – wenn es eine Pandemie ist, dann ist es eine Pandemie. Die Informationen über die Gefährlichkeit bzw. Unberechenbarkeit kommen ja so langsam ans Tageslicht. Und die Bevölkerung hat ein Recht zu wissen, um welch gefährliche Angelegenheit es sich handelt.

Aber aus der Notlage politischen Gewinn zu ziehen, ist ein Reflex, der heute nicht mehr möglich sein sollte. (Die Fremdenverkehrswerbung für Bayern durch Herrn Söder ist schon peinlich). Wenn schon gerettet werden muss, dann aber bitte mit Verstand, Intelligenz, Vertrauen in die handelnden Personen und Engagement für ein neues Denken. Ich verstehe Herrn Carsten Spohr, Lufthansa, er sagte sinngemäss, „bevor ich mich zu jedem Preis von der Regierung retten lasse, melde ich lieber Insolvenz an“.

So weit muss ein Land erst mal kommen. Aber Recht hat er.

Düsseldorf, den 5. Mai 2020