Was ist, wenn Wolfgang Reitzle recht hat?

von | Apr 15, 2021 | Essay

In seinem Interview in der Welt am Sonntag vom vorletzten Sonntag spricht er von den „verlorenen 16 Jahren“. Er beklagt, dass alles in Deutschland zu kompliziert ist und zu lange dauert. Der Verwaltung attestiert man „archaische“ Zustände, so der wissenschaftliche Beirat des Wirtschaftsministeriums.

Die Selbstgerechtigkeit, die von Frau Wagenknecht in der FAZ vom 11.4.2021 beschrieben wird, als Ausdrucksmittel eines Lifestyle Sozialliberalismus, trifft auf eine zunehmend egoistische Verhaltensweise zur Bewältigung aktueller Krisen – jeder ist sich der Nächste, „Social correctness“ wird gesagt, „First me“ gehandelt. Moderne Ausdrucksform – Impfdrängler.

Sind das bereits Konsequenzen einer allgemeinen politischen Stimmungslage, die zwischen Lähmung, Trägheit, zunehmender Antriebslosigkeit und überbordendem Egoismus zu verorten sind?

Was bedeutet das, wenn Herr Reitzle recht hat und sich ein Gefühl der verlorenen Zeit einstellt. Es ist die zur Schau gestellte Gleichgültigkeit der meinungsbildenden Eliten, die alle „verrückt“ macht. Obwohl jeder mitbekommt, dass mit der Bewältigung der Pandemie die Administration offenbar überfordert ist, tun die politischen Eliten so, als ob alles im Griff sei, und man jederzeit die richtigen Maßnahmen ergriffen habe.

Da dem nicht so ist, und jeder Bundesbürger das konkret spürt und erlebt, steuern wir in ein allgemeines Vertrauensproblem hinein.

Was bedeutet das für Unternehmen?
Folgende Beobachtung: Unternehmen, die es können, finanziell, wie organisatorisch, wie konzeptionell auf der Produktebene, verlagern ihre Umsätze und Marktbearbeitung ins für sie relevante Ausland.

Unternehmen, deren Produkt-Portfolio es hergibt, trivialisieren ihr Angebot soweit, dass selbst in höchster Verlangsamungsform seine Wirkung in der Bevölkerung ankommt.

Es fehlt den Unternehmen der Mut, Haltung und Wertestrukturen zu belegen – und wenn doch, passiert unerwartetes – nämlich Interesse. Einer unserer Kunden aus der Lebensmittelbranche besaß den Mut, die in Mode gekommene Antihaltung gegenüber Wurst und Fleisch so zu thematisieren, „dass man doch kein schlechter Mensch sei, nur weil man gerne in eine leckere Wurst beißt und diese dem besten Tierwohl-Haltungslevel Drei entsprechende Spezialität genießt“. Ein Zustrom von Likes und Followern innerhalb kürzester zeit. Die Menschen haben die klare und entschlossene Sprache verstanden.

Um in diesen Zeiten Position zu beziehen, braucht es offenbar Entschlossenheit, sich nicht allen Umfrageergebnissen unterzuordnen, Entschlossenheit, seine unternehmerische Haltung und Meinung, sowie das Bekenntnis zum eigenen Tun selbstbewusst zu vermitteln.

Political correctness ist zwar nett, führt aber zu einer Vergemeinschaftung aller Aussagen. In einer medialen Zeit, in der jede vom Durchschnitt abweichende Haltung sofort als extrem, querdenkend, links- oder rechtsaußen gebrandmarkt wird. Wir bezahlen gerade den Preis dafür, dass wir in den letzten Jahren eine Kultur der Meinungsbeeinflussung zugelassen haben, die sich jetzt in all ihrer Aggressivität deutlich macht.

Was bedeutet das für Marken?
Entschlossene Klarstellung der eigenen Überzeugung und Leistung. Selbstbewusstsein und Außergewöhnlichkeit. So wie Hakle – Deutschlands bekannte Marke für Hygiene in Bad, Küche und WC – die sich nicht in einer Versorgungsromantik in der Knappheitshysterie ergangen hat, sondern die keck und selbstbewusst mit einer witzig in Popart gestalteten Rolle auf dem Catwalk der Berliner Modewoche auftauchte.

Relevante Aufmerksamkeit durch mutige Entschlossenheit bringen Respekt beim Konsumenten. Weil dieses Kommunikationsmuster bei unseren Politikern unterentwickelt ist, entsteht das unverständliche Politik Geschwurbel, dabei lieben die Menschen Klarheit. Da weiss man, was man hat. Nie war ein Slogan so wertvoll wie dieser.

Wenn man nicht weiß, woran man ist, dann entscheidet man auch nichts.

Und niemals in den vergangenen Jahrzehnten ist der Zusammenhang zwischen der Grundstimmung einer Gesellschaft und der wirtschaftlichen Dynamik so deutlich geworden, wie in diesen Tagen. Es gibt Politikkenner die sagen, dass versucht wird, die sichtbar werdenden strukturellen Defizite durch eine Verlängerung der Corona Hysterie zu überdecken. Je verängstigter die Menschen gehalten werden, umso weniger riskieren sie klare Meinungsäußerungen. Und desto öfter kann man beobachten, dass die passenden angstmachenden Aussagen genau zur richtigen Zeit veröffentlicht werden.

Beispiel aus den letzten Tagen – Infektionsschutzgesetz. Mehr Durchgriff für die Bundesregierung stößt auf eine öffentliche, politische Gegenhaltung, selbst aus den Regierungsparteien. Da passt es doch hervorragend, dass der Chefarzt der Kölner Unikliniken morgens in den öffentlich-rechtlichen Rundfunksendern sagt, dass die Intensivstationen kurz vor dem „Überlaufen“ seien. Kein Beweis, keine Zahlen, nur Behauptung. Also, es wird medial alles getan, um eine Gleichrichtung zu erwirken.

Kein Markenkonzept kommt a la longue ohne Beweis seiner Performance aus – solche meinungsbildenden Statements auch nicht. Gleichrichterei schadet den Markenkonzepten, wie auch der Unternehmenshaltung. Die Purpose Diskussion ist im wahren Kern ihres Anspruches richtig, aber in einer oft nivellierenden Belanglosigkeit einerseits, sowie andererseits in einer überhöhten Moral des Anspruches nur ein Feigenblatt für klare, einfache und verstehbare Statements der Unternehmen.

Und so müssen wir leider unserer eigenen Tatenlosigkeit der letzten Jahre Tribut zahlen. Wir haben nicht gemerkt, wie wir Stück für Stück eine zentrale Meinungsbildung verordnet bekommen haben, die nun in einer verqueren Situation mündet – „there are no characters on stage“. Wir haben es mit einem Chor zu tun, der jedem, der eine besondere Stimme hat, sofort das Mitsingen verbietet. Nur Unternehmen und Marken, die man aus dem Einerlei des Chores heraushört, gewinnen das Interesse. Wir waren eigentlich in Deutschland auf einem guten Weg – Stichwort Sommermärchen.

Wie gesagt, verlorene Jahre.
Danke Wolfgang Reitzle für die offenen, klaren und leider beweisbaren Worte.

Und noch eines zum Schluss für heute – warum ist es in der Gesellschaft noch so ruhig an der Oberfläche?

Was wir aus vielen Interviews und Auswertungen der Anrufe bei den Impfstoffzentren verstehen ist, dass die Gesellschaft im September 2021 abrechnet, ganz demokratisch durch die Wahlen zum Bundestag. Vielleicht wird dann im Rückblick die nervende Politsatire zwischen den Kandidaten der Unionsparteien völlig unnötig gewesen sein, weil keiner von beiden die Chance bekommt, überhaupt als Kanzler agieren zu können, vielleicht haben die Menschen die Nase voll, von immer besserwissenden „Polit-Muttis“, und vielleicht hat sich die wirklich liberal gesinnte Gesellschaft wieder etwas mehr auf ihre Vertretung im Lande besonnen – aber was zu erwarten ist, dass radikal neu und abgewählt wird.

Wir werden uns auf dieses Szenario einstellen müssen.

Köln, 15.4.2021