Was macht Corona mit uns?

von | Apr 6, 2020 | Essay

Kontaktsperre, Einschränkung der Bewegungsräume, geschlossenen Geschäfte, erste Meldungen von Unternehmens-Insolvenzen oder Fortführung in Eigenregie. Menschen mit Masken und Handschuhen, Schlangen vor den Geschäften, die geöffnet haben, Abstand haltend und sich vorsichtig anguckend, wegdrehend, wenn man sich begegnet, und mit zunehmend mürrischem Gesichtsausdruck.

Es fällt auf, dass die Unsicherheit und die Verunsicherung „Gestalt“ annimmt. Man geht sich aus dem Weg, man beobachtet, ob jemand hustet oder schnupft, man ist anweisungsgemäß vorsichtig.

Man hofft, dass die Behörden alles richtig machen, dass das Gesundheitswesen in Deutschland so gut ist, dass wir selbst eine noch größere Welle an Erkrankten ertragen und bewältigen können.

Man hört die Horror Nachrichten aus New York, London und anderswo. Man sieht im Fernsehen Bilder von gespenstig leeren Straßen.

Was richten diese Bilder und Impressionen bei uns an?

Ich bin kein Verhaltenspsychologe, aber die nett gemeinten Kommentare, dass wir jetzt zusammenstehen sollen, und dass der Bundespräsident mit Pflegern telefoniert, hilft wenigen. Ich hörte neulich auf der Straße einen Wortfetzen – „die Reichen können Quarantäne oder Kontaktsperre gut aushalten, die sitzen in ihren Häusern und Gärten und kommen gut gebräunt nach der Krise aus ihren Villen und Parks wieder heraus“.

Das ist das Problem – aufkeimender Neid, Stress, Übellaunigkeit, Missgunst, besonders in städtischen Gebieten. Auf dem Land ist man noch etwas gelassener, man hat die Nähe zu seinen Bauern, seinen Metzgern, seinen Bäckern. Nun wird deutlich, wie wichtig der Mikrokosmos des Kleinen, Überschaubaren wird.

Die großen Supermärkte müssen auf Anordnung Klebebänder zum Distanzhalten aufstellen, so wird in der Stadt jedem sichtbar, dass man Nähe nicht will.

Mit fatalen Folgen. Angst. Unsicherheit. Und zunehmend unaufmerksam in Hinblick auf das Selbstbewusstsein. Wir sollten aufpassen, dass wir nicht ein Volk von „Muffelbrüdern“ werden.

Damit meine ich nicht die Devise, „Humor ist, wenn man dennoch lacht“, aber eine Abwandlung von „keep cool and carry on“, gemischt mit einer Prise heiterer Gelassenheit wäre nicht schlecht. Diese und ähnliche Ratschläge laufen ins Leere, wenn es um die nackte Existenz geht. Wenn Familien und Kinder nichts mehr zu essen haben, wenn Überlebensängste beginnen uns zu beherrschen, hört der Spass auf. Arbeitslosigkeit ist der erste Schritt in einen Überlebenskampf.

Damit sind wir wieder beim Thema – wo beginnt die Unverhältnismäßigkeit der Maßnahmen in Hinblick auf die Überlebensfähigkeit unseres wirtschaftlichen und existentiellen
Zusammenlebens.

Wenn ich abends nach Hause fahre, höre ich die mir so langsam auf die Nerven gehenden, mit beschwingter Stimme vorgetragenen medizinischen Betrachtungen eines gewissen „Doc Esser“.

Die Krise wird hier zur medizinischen Talk-Show. Mit heiterer Stimme wird erklärt, dass wir erst mittendrin sind in der steil ansteigenden Infektionskurve. Im Nebensatz hört man dann, die meisten würden von einer Infektion gar nichts merken.

Wie dem auch aus medizinischer Sicht sei – zur Klarheit trägt das nicht bei. Irgendwann werden die Menschen Informationen nicht mehr verkraften können.

Und dann?
Ein bisschen Normalität sollte bald zurückkehren. Es ergibt sich sonst ein sich verstärkender Kreislauf aus Nachrichten, Angst, Beobachtungen und zunehmenden Krisensymptomen.

Lasst Corona nicht so wirksam werden, dass unser deutsches Gemüt, – eh schon schwer genug , – noch mehr ins Grübeln kommt. Sonst gibt es nach der Krise nur noch Zynismus.

Und es wird starke gesellschaftliche Friktionen geben. Der Kampf ums Überleben wird zumindest psychologisch deutlichere Formen annehmen, egal, ob die Versorgung noch gewährleistet ist oder nicht. Wir müssen aufpassen, dass wir das intelligente Gleichgewicht halten, zwischen den Polen Kapital und Arbeit und jede extreme Interpretation der Rollen vermeiden.
„Extreme“ provozieren in diesen Zeiten Provokationen und provozieren ein zunehmend alltägliches Bild. Man reizt seine Grenzen aus – Radfahrer gegen Autofahrer, Fussgänger gegen Radfahrer, unten gegen oben. Symptome eines kurz vor dem Ausbruch stehenden Vulkans der Volksseele.

Lass’ uns aufeinander aufpassen.
Im besten fürsorglichen Sinne des Wortes, nicht im kontrollierenden Sinn.
Corona hat nichts Gutes und wird auch nichts Gutes haben. Also lass’ uns auch nicht sagen,„wir gewinnen dem Ganzen etwas Positives ab“. Die Krise macht nur deutlich, was bisher schief lief.

Düsseldorf, 6. April 2020