„Wer kann wach werden, Stephan Grünewald?“

von | Apr 27, 2020 | Essay

Die Antwort auf das Interview im Manager Magazin, Mai 2020.
Wir lernten Stephan Grünewald, Inhaber des Kölner Instituts für Psychologie in der Konsum- und sonstigen Sozialforschung Mitte der 90iger Jahre kennen. Er und sein Team erklärten uns und dem damaligen Produktmanagement von Henkel etwas von der „autoerotischen Handlungsmotivation der Hausfrauen“ beim Geschirrspülen mit Handspülmitteln.

Dies sei die eigentliche Motivation des Geschirrspülens mit der Hand, – saubere Gläser und Teller sind nur „Abfall“-Ergebnisse, bis Benckiser ihm das Gegenteil bewies. „Strahlende Gläser dank Calgonit und Calgon, dann klappt es auch mit dem Nachbarn“ – nichts mit Auto-Erotik.

Einige Jahre später „mussten“ wir uns von denselben Leuten erzählen lassen, dass die Milchprodukt Marke Landliebe in einem „unerklärlichen“ Spannungsfeld zwischen mütterlicher Liebe und kraftvoller, männlicher Nahrung, insbesondere bei Milchreis, ihre Begehrlichkeit entfalten soll. Der Gestalter, der das in Produktdesign sichtbar machen sollte, sitzt immer noch in einer geschlossenen Anstalt.

Heute ist Stephan Grünewald im Komitee des Ministerpräsidenten Herrn Laschet. Und weil er als populärer „Seelenzustandserklärer“ immer schon ein eloquenter Forscher war, erläutert mein geschätzter Kollege nun der Politik, wie die Deutschen nun agieren sollen und seiner Meinung agieren werden. Herr Laschet macht es richtig, denn er lässt eine multidisziplinär denkende Gruppe von Experten zu, die ihm helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen, um aus der in Berlin kreierten Autokratie zu entkommen.

Trotz der Wertschätzung dieses Vorhabens und seiner Helfer sollten ein paar korrigierende Bemerkungen erlaubt sein.

So sagt Stephan Grünewald im Manager Magazin vom Mai 2020, „diejenigen, die sich aus der Realität zurückziehen, werden zum Beispiel zu Verschwörungstheorien neigen, etwa nach dem Motto, „die Chinesen hätten das Virus geschaffen, um die Weltherrschaft zu übernehmen“.

Andere würden in dieser Situation, nach einer überstandenen Schockphase, zu neuer Kreativität und bedächtiger, typisch deutscher Problemlösung streben. Und ausserdem ist der Corona Schock heilsam, denn nun würde der durch Wohlstand und die Ablenkung durch den überbordenden Social Media Konsum verhinderte Generationenkonflikt ausbrechen und zu neuer schöpferischer Kraft aus der Gesellschaft heraus entstehen. Mit anderen Worten, – Corona macht möglich, was vorher blockiert war.

Wer am 25./26.4.2020 die Zeitungen gelesen hat, z.B. FAZ Sonntags Zeitung, Süddeutsche Zeitung und die Welt wird feststellen, dass die Frage, woher kommt Corona, und wie ist der Virus in die Welt gekommen, zunehmend gestellt wird. Das hat nichts mit Verschwörungstheorie zu tun, sondern mit der aufkeimenden Erkenntnis, dass niemand Genaues weiß, und deshalb auch nichts auszuschließen ist. Ein wissenschaftlich gerade in der Virologie begründetes Verhalten der Experten. Solange man nicht genau weiß, woher was gekommen ist, darf man nichts ausschließen. Diese absolut korrekten Überlegungen in Zusammenhang mit Menschen zu bringen, die sich in dieser Zeit zurückziehen und eventuell Angst haben, und diese als verhaltens- auffällige Verschwörungstheoretiker zu bezeichnen, das ist schon sehr keck.

Lieber Stephan, wir kennen uns lang genug, als dass Du mir nicht nachsiehst, wenn ich behaupte, dass Du weißt, dass diese Aussagen mehr Wunsch als Realität sind oder politisches Programm von hilflosen Politikern. Du kannst so wunderbar die Ideale und Wünsche formulieren, Du hast ja immerhin auch die Deutschen schon auf Deiner Couch gehabt, – aber es geht an der Realität vorbei.

Bis jetzt haben die meisten Arbeitnehmer noch keine schmerzhaften finanziellen Einbußen gespürt. Wir nehmen mal die zigtausende Gastronomen und Kleinbetriebe heraus, die jetzt schon vor dem Nichts stehen. Wenn ab Mai 2020 die Kurzarbeitszahlung der Nicht-Beamten Realität wird, wird man sehen, wieviel Kreativität und Zukunftsgestaltung möglich ist. Ist es nicht so, dass Deine Aussagen mehr der politische Wunsch der Landesväter und Mütter sind, und dass die voll bezahlten Beamten mit Hilfe herausragender psychologischer Analysen den Menschen eine Lebenshilfe geben, wie sie in der plötzlich auftretenden Armut ihre inneren Kräfte frei- setzen können?

Ist doch alles nicht so schlimm, ist doch nur ein finanzielles Desaster, der seelische Zugewinn ist doch ungeheuer. Das ist die Netto-Botschaft einer solchen Aussage. Ich glaube, dass Du auch verstehst, dass das Ganze sehr realitätsfremd ist.

Warum verzichten eigentlich nicht die Beamten und Politiker auf ca. 40% ihrer Netto- Bezüge, wenn die Aussichten auf solch spirituelle Zugewinne so verlockend sind. Das wäre doch mal Solidarität mit den Menschen. Politiker und Beamte verzichten wie alle anderen auf Einkommen. Wäre das nicht eine Botschaft, die uns alle wieder in einem Gedanken vereint?

Stattdessen wird herumgeschwurbelt, von Dehnfugen im Alltag, von sozialen Fastenzeiten und so weiter. Eine solche inszenierte Kommunikationsstrategie der Regierenden und deren Sprachrohre wird das Vertrauen nicht steigern.

So kommen wir zu einem anderen Punkt oder einer weiteren Facette der Meinungsmanipulation. Wir lesen heute in der FAZ, dass der überwiegende Teil der Bevölkerung das Krisenmanagement unserer Regierung gut findet und deren Beliebtheitswerte steigen.

Das Politbarometer des ZDF hat diese Informationen erforscht. Nichts gegen die Ergebnisse, aber was wäre denn, wenn die Beliebtheit nicht steigen würde, oder wenn sie demnächst abflacht, weil es den Menschen „dreckig“ geht? Ändern die Regierungsverantwortlichen ihre dirigistischen und so langsam außerhalb der verfassungsrechtlichen Eingrenzungen sich befindende Maßnahmenpakete, weil dann alles plötzlich doch nicht so schlimm ist? Oliver Lepsius lehrt öffentliches Recht und Verfassungstheorie an der Universität Münster und weist zurecht daraufhin, dass Grundrechte nicht nur generell abstrakt gelten, sondern auch individuell konkret wirken. „Ohne eine Bilanz der unnötigen Freiheitsverluste kann es keine Rückkehr zur Normalität geben“ sagt er zurecht. In diesem Zusammenhang taucht die bange Frage auf. Wie lange werden die Menschen in Deutschland die zunehmenden Auswüchse des Überwachungsstaates noch akzeptieren? Wann bricht Unmut, Unwille und Unverständnis, gepaart mit spürbaren, deutlichen Einschnitten auf und wandelt sich in eine „virale Reaktion“? Es ist ja gut, wenn die Menschen noch ruhig und zufrieden sind, aber man sollte es nicht eitel zur Schau stellen, denn es könnte sich ganz schnell ändern.

Und andersherum gedacht, man veröffentlicht gerne solche demoskopischen Daten, um der zweifelnden, stummen Mehrheit zu sagen, seht, Ihr habt nicht Recht, Ihr seid nicht alleine mit euren Sorgen. Wir in Berlin machen das schon, – allerdings primär auf Eure Kosten.

Ja, wir müssen wach werden, aber anders als vorgedacht. Wir müssen in Zukunft dafür sorgen, dass Pflegerinnen und Pfleger, dass Krankenhäuser, dass Katastrophenintelligenz mit Geld und Verstand gefüttert werden. Und vieles Vernünftiges mehr.

Dass Ärzte wieder wertgeschätzt werden, mit Ausnahme der medizinischen „Gockel“. Wir müssen das Extreme an allen Entwicklungen beschneiden, auch Bäume wachsen nicht in den Himmel. Wir müssen uns vom puren Effizienzstreben verabschieden.
Wir müssen, wie Giorgio Armani sagt „nicht immer mehr produzieren, sondern immer Wertigeres“. Und wir müssen begreifen, dass sich unser unbekümmertes Verhältnis zur Natur ändern muss. Als wir nur ca. 1 Milliarde Menschen auf der Erde waren, da konnte man Natur als ein Stück Ressource begreifen, heute müssen wir begreifen, dass wir offenbar selbst ein Stück der Natur sind und demgemäss mit Attacken rechnen müssen, die nicht mit Digitalität und Atemmasken zu beherrschen sind.

Aber lasst uns aufhören, aus einem intellektuellen oder und politischen Überlegenheitsgefühl heraus das Leben von Millionen von Mitbürgern zu zerstören. Nicht alle sind so intelligent wie unsere Politiker und deren Einflüsterer. Zumal die Statistik der Infektions- und Abflachungskurven zeigt, dass das Abebben der Welle bereits begonnen hat, bevor der Lockdown begonnen wurde. „Der Politik sind die Zahlen und Diagramme bekannt ( siehe Seite 2 der Rheinischen Post von heute, dem 27.4.2020 ), sie weiss nur nicht, wie sie aus der Nummer heraus kommt, und schürt weiter Ängste.“— Prof. Stefan Homburg, Leibniz Universität Hannover. Wie schon Winston Churchill seinen Nachwuchs-Politikern empfahl, „never let a good crisis go to waste“.

Good morning Stephan Grünewald.

27.04.2020