„What if the experts are wrong“

von | Jun 8, 2020 | Essay

(Ulf Schneider, Nestlé.)

Was für für ein wunderbarer Satz. In Krisen und in Nachkrisenzeiten hört man die Apologeten der jeweiligen Wahrheiten. Und der Chef von Nestlé sagt und handelt ganz einfach nach seinen Intuitionen und Einschätzungen.

Ganz konkret – er hat früher als alle anderen Unternehmenslenker die Gefahr der Corona Epidemie erkannt und entsprechende Maßnahmen eingeleitet. Und er ist kein Hubschrauber Manager, der von oben die Lage beobachtet und nicht einschreiten kann und will, sondern er ist in die Niederungen der täglichen operativen Entscheidungsmeetings gegangen und hat entschieden.

Noch etwas anderes ging uns durch den Kopf. Thomas Mann hat 1941 einer amerikanischen Zeitung erklärt, ““Not America First“, but “Democracy First“ and “Human Dignity First“ is the slogan, which will really lead America to first place in the world.“

Was haben die beiden Sätze gemeinsam? Es ist die Weisheit der nicht begründbaren Voraussicht. Alle reden von den Chancen der Erneuerung nach der Krise, von den digitalen Chancen, von der E-Mobilität, von der Performance der User Cases in agilen Plattform Programmen – die Experten der Digital Transformation Experts. Und dann kommt Philipp Maderthaler, immerhin der Kampagnenchef von Sebastian Kurz, daher und sagt, “eine der großen Stärken sozialer Netzwerke und digitaler Plattformen liegt darin, dass sie uns ermöglichen, das knappe Gut der Nähe in einer skalierbaren Form darzustellen.“

Digital, online, Nähe – Menschen kaufen aus Überzeugung und nicht nur aus Verstand, nichts für die Oberfläche kurzatmiger, risikoaverser Entscheider. Aber es ist die Erkenntnis von heute, die psychologische Nähe und Ehrlichkeit sind Grundlage erfolgreicher Konzepte für Unternehmer, Produkte und Services. Inspiration, Einfühlsamkeit, und ein Stück Lebensweisheit bestimmen die Wirksamkeit von Konzepten, ob Kommunikation oder Organisationsthemen.

Es ist die Kombination von objektiven Richtigkeiten mit dem unberechenbaren der Intuition und Weisheit. „Intelligence will win“. Nicht die stumpfe, coole, inszenierte, werbeplastische Form der sogenannten zeitgemäßen und juvenilen Kommunikationsmethoden bestimmen die standardisierte Richtigkeit. Wertigkeit, dichte Stimmung, Menschlichkeit, Fürsorglichkeit, sind Themen, die die Zukunft bestimmen, unabhängig von der Richtigkeit der Prognosen.
Was haben wir denn zu verlieren, wenn wir solchen Gedanken mal folgen würden?
Nichts.

Es gibt aufschlussreiche empirische Erhebungen, zum Beispiel von YouGov, die die Relationen von Bekanntheit und Sympathie und deren Erfolg messen. Je größer der Abfall der Werte zwischen Bekanntheit und Sympathie, desto kleiner die Kaufrate. Unternehmen, deren Bekanntheitswerte und Sympathiewerte auf einem ähnlichen Niveau liegen, sind deutlich erfolgreicher. Mehr Zufriedenheit, mehr Umsatz, mehr Stabilität, mehr Überlebenspotential in unerwarteten Krisenzeiten.

Die Weisheit der Gedanken und die der kreativen Lösungen in Unternehmenskonzepten, lassen sich in Inspiration und Nähe zu den Menschen umsetzen. Wie Jens Lönneker vom Rheingold Salon, der sagt, die augenblickliche Angst vor der Angst kann auch neben Lähmungserscheinungen der Gesellschaft andere, neue Gedanken freisetzen. Nach der Schockstarre des Augenblicks der Erkenntnis, das sich einfinden in die Situation, und Lösungswege finden.
Der Rhythmus der Veränderungspsychologie.

What if the experts are wrong.
Was ist, wenn diese Gedanken auch schon wieder falsch sind?

Unternehmen sollten nicht weiter einen bequemen Weg suchen, und mit ihren Konzepten an der Oberfläche ihrer Möglichkeiten kratzen. Wer nichts will und für nichts steht, muss sich nicht wundern, wenn ihm niemand folgt. Das ist nicht nur metaphorisch zu nehmen. In sozialen Netzwerken gilt das auch wörtlich. Ja – ich bin dabei,- oder nein, ich bin nicht dabei. Eine Entscheidung herbeiführen mit einer Auffassung, warum ein Unternehmen etwas tut, warum es genau diese Produkte herstellt oder vertreibt.

Insbesondere Plattform-Konzepte müssen aus dem Konzeptgedanken kommen und nicht nur aus dem IT-Möglichen. Klassische Werbung ist aus der Kommunikationstheorie entstanden. Mit der Digitalisierung hat sich die Technologie dazu gemischt, eine dritte Komponente ist die Organisationstheorie. Wie agieren Menschen in der Gruppe? Und welche Dynamiken entstehen daraus? Dann sind wir in der Phase des Community Aufbaus, der etwas bewegt. Und Communities halten in der Regel besser Zusammen, wenn sie durch etwas Vorwärtsgerichtetes verbunden sind. Und ein Zukunftsgedanke ist immer positiver, konstruktiver und faszinierender, als der Blick zurück, oder der immer vergleichende Blick nach links und rechts. The wisdom of the crowd, the wisdom of absolute thinking, the wisdom of non egoism, the wisdom of a positive community. The wisdom of the dreams. Relevant dreams.

Lassen Sie uns darüber nachdenken und Sie in unsere tägliche Arbeit einfließen, dann klappt es auch mit den richtigen Antworten auf eine Situation, die wir alle nicht kannten.

Lassen sie uns aufhören, bequem zu denken, so oder irgendwie ein bisschen angepasst an die neue Situation weitermachen, Lösungen, die als verrückt eingeschätzt werden, nicht ignorieren. Ein bisschen Mut gehört dazu. Mut ist die Überwindung des Kalkulierbaren. Aber nur mit Mutlosigkeit zu arbeiten, bringt gar nichts.

Aber wie bringt man Organisationen dazu, mutig zu sein, ohne irrelevant übermütig zu sein? Das wird uns in der Zukunft interessieren. Joseph Schumpeters Entwicklungstheorie gibt darauf eine Antwort, der Unternehmer als Held, ein zugegebenermaßen idealisiertes Bild, aber es taugt um einen Charakterzug von Unternehmern zu beleuchten. Geld und Gewinn sind nicht der Zweck des Wirtschaftens selbst. In und kurz nach der Krise wird die Komplementärstruktur von Kultur, Verantwortung, sozialer Parameter etc. wichtig. Geld und Gewinn sind wichtig, weil ohne Umsatz und Gewinn verschwindet das Unternehmen vom Markt. Gewinne sind eine notwendige Bedingung für nachhaltiges Wirtschaften aber nicht das Ziel.

In den Konzeptüberlegungen nach der Krise, oder bei der Bewältigung der Krise sind genau die Ideen zur Einbindung in die kulturelle Komplementärstruktur gefragt. Die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen definiert sich eben nicht mehr nur durch die schiere Performance der Produkte und Dienstleistungen, aber nicht zu jedem Preis – sie müssen den Menschen nützen in Organisationsstrukturen, die ein Stück mehr Widerstandsfähigkeit in eine instabile Welt bringen.

Die Rezepte der Experten von gestern sind zum Teil überholt. Rücksicht, Verstehen, Solidarität sind Werte der Krise und das Fundament ganz neuer sehr erfolgreicher Unternehmenskonzepte.

7. Juni 2020