Wir haben verlernt gewinnen zu wollen

von | Aug 26, 2021 | Essay

Im offiziellen Magazin des Markenverbandes der Markenartikel vom Juli 2021 erschienen verschiedene Betrachtungen zum Thema der Trägheit in deutschen Entscheidungskulturen. Unternehmer und Marktforscher beschäftigten sich mit dem Phänomen, warum alles in Deutschland so lange dauert und warum Organisationen keinen Mut zu mutigen Entscheidungen aufbringen.

Einen Monat später veröffentlichte das Manager Magazin ein Interview mit Herrn Stefan Grünewald, der über die nicht beobachtbare Dynamik in der deutschen Gesellschaft berichtete.

Ich war neugierig, ob sich dieses Thema ansatzweise in Diskussionen und Gesprächen wiederfand. Antwort – Nein. Nichts. Schweigen. Haben alle Autoren das Thema verfehlt? Oder will man es nicht wahrhaben, dass wir in Deutschland einen gewaltigen Entschleunigungs-modus des Lebens gewählt haben. Oder welche Erklärung gibt es dazu?

Cut.
Sommer 2021 – Flutwelle im Ahrtal, an der Erft und im Bergischen Land. Sturz der Regierung in Kabul, die Taliban sind siegreich. Hartnäckigkeit und Durchhalten seit 20 Jahren. Der englische Verteidigungsminister sagte sinngemäß, der Westen hat verlernt, Kriege auch gewinnen zu können. Die Vertreter des Westens haben, aus welchen Gründen auch immer, es nicht geschafft, die potentiell gefährdeten Menschen aus Kabul rechtzeitig auszufliegen. Man hat die Lage eben nicht richtig eingeschätzt.

Diese Art von Fehleinschätzung, oder “the lack of moments of clarity“, scheint Muster zu sein für viele Prozesse, die man aktuell beobachten kann.

Zwei Investoren unterhalten sich durch ihre Organisationen monatelang, ob ein gemeinsames Unternehmen in einem attraktiven Markt sinnvoll ist, am Beispiel der Werbekostenzuschüsse für Edeka Südwest. Das konnte nicht gutgehen. Organisationen können sich nur schwer vom Detail lösen, weil sie Angst haben, daran hinterher beurteilt zu werden, weil der deutsche Michel eben eine Krämerseele ist. Erst eine die Zukunft beschreibende, Visionen erläuternde Präsentation, die Visibilität der Zukunft beschreibenden Vorstellbarkeit, löste die Verkrampfung.

Vorstellbarkeit von Szenarien, ein Schlüsselwort der Strategie Entwicklung.

Die Vorstellbarkeit von zukünftigen Ereignissen ist ein Schlüssel, um Trägheiten zu überwinden. Verarmte Powerpoint Charts erzeugen keine Vorstellbarkeit, sondern behindern sie, weil sich jeder etwas anderes unter den semantischen Reduktionen von „Strategie Buzzwords“ vorstellt. Und wie muss es da erst den politischen Entscheidern gehen, wenn sie rechtzeitig Leben rettende Entscheidungen treffen müssen, auf der Basis von „absicherungsorientierten“ Informationen.

Da niemand Verantwortung übernehmen will, wird auch nicht Klartext geredet, denn Klartext bedeutet, Festigkeit und Konsequenz zu zeigen, und für den Fall, dass man nicht richtig lag, auch die Verantwortung zu übernehmen.

Trägheit ist die unmittelbare Konsequenz der Beliebigkeit.

Beliebigkeit in der Begleitung von Arbeitsprozessen, Beliebigkeit in der Einschätzung von Situationen etc., Beliebigkeit in der präzisen Beschreibung der marktstrategischen Heraus-forderungen eines Unternehmens.

Das führt zu immer öfter auftretenden, fatalen Konsequenzen.

Weil man nicht entschieden die Veränderungen in vielen Märkten wahr haben will, werden deutliche und weiterreichende Maßnahmen verzögert oder verhindert, weil dadurch ja sehr oft die Fehler der Vergangenheit offensichtlich werden. Dann bleibt man lieber im Ungefähren, begnügt sich mit leichten Korrekturen und bewegt nichts. Trägheit.

Gegen diese Windmühlen der Verhinderung anzugehen, braucht viel Kraft und Durchhalte-vermögen. Solange wir in Deutschland noch auf diesem Wohlstandsniveau leben, ist Trägheit
ein Leiden auf höchstem Level.

Die theoretischen Ansätze, wie man ökonomisch und finanztechnisch die Risiken der Globalisierung angeht und die konstruktiven Forderungen nach digitaler Transformation sind in diesem Zusammenhang schon konzeptionell avantgardistisch zu nennen. Auch diese von klugen Finanzleuten beschriebenen Veränderungsprozesse blenden die Realität oft aus – wir in Zentraleuropa haben verlernt, gewinnen zu wollen.

Wir wollen kein Risiko eingehen, weil wir meinen, viel verlieren zu können. Wir verlieren aber noch mehr, wenn wir so weitermachen.

Dann wird aus East meets West – East eats West.

Köln, 20.8.2021